Haidingers

So Netze reißen

Hort der Wissenschaft

Martin Haidinger | aus HEUREKA 2/12 vom 23.05.2012

Zu einem ordentlichen Netz, das etwas auf sich hält, gehört auch eine Spinne, die drin sitzt und auf Beute wartet; oder gehören wenigstens wagemutige Akrobaten, die darüber in luftiger Höh‘ am Seil tanzen, dabei vielleicht noch mit ein paar Bällen jonglieren, oder mühsam mit einem Stab die Balance halten. Und wenn wir grad von Forschungsnetzwerken reden …

Eines der ältesten seiner Art ist seit 1666 in Frankreich ausgelegt und aufgespannt. Die Pariser Académie de Sciences verknüpft nicht nur französische, sondern auch ausländische Wissenschaftspersönlichkeiten miteinander - wie etwa auch Österreichs "Mister Beam“ Anton Zeilinger.

Dass es früher nicht immer dem Überleben gedient haben mochte, so einem Netzwerk anzugehören, zeigt das Beispiel des unglücklichen Vaters der modernen Chemie, Antoine Lavoisier.

Er wurde nach Auflösung aller Akademien durch die Französische Revolution des Pachtwuchers angeklagt und fand in Gestalt Jean-Baptiste Coffinhals einen Richter von schlichtem Gemüt, der den Ausnahmeforscher mit der Bemerkung, dass die Republik weder Wissenschafter noch Chemiker brauche, auf die Guillotine geschickt haben soll.

Nun erinnert dieses nicht bestätigte Zitat zwar fatal an die diversen verbürgten intellektuellen Bekenntnisse rezenter österreichischer Politiker, die vor allem auf das stolz sind, was sie nicht gelesen haben, und folglich auch nicht wissen.

Doch selbst wenn die ärgsten Ignoranten unter ihnen Fächer wie Orientalistik und Byzantinistik abschaffen woll(t)en, werden sie doch die Vertreter dieser hehren Zünfte wenigstens nicht köpfen lassen - zumindest nicht im physischen Sinn.

Nein, Netzwerk-Amputationen hierzulande sehen anders aus!

Geknister gab es in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, rund um deren jährliche Festsitzung Anfang Mai. Renée Schröder und Gunther Tichy hatten der Akademie den Rücken gekehrt und ihre ordentliche Mitgliedschaft niedergelegt; die Biologin mit großem Getöse, der Ökonom still und heimlich.

Das Präsidium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nimmt die finale Kritik der beiden an angeblicher mangelhafter Exzellenz und fehlender Reformkraft gelassen hin. Klar - wenn nur zwei Fäden, vielleicht auch drei, vier oder zehn aus dem Netz gezogen werden, hält es trotzdem, und das Biotop nährt noch seine Arachniden. Dünn wird’s dann aber irgendwann, wenn das ramponierte Ding vielleicht als Auffanginstrument für Forschungsakrobaten im freien Fall dienen sollte.

Wenn Netze reißen, kommen Artisten nämlich hart auf.

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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