Ein europäisches Forschungsnetzwerk

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 2/12 vom 23.05.2012

Das in Wien gegründete Forschungsnetzwerk für Peritonealdialyse besteht seit Dezember 2011. Es ist ein Beispiel für Forschungsnetzwerke, wie sie sich die EU vorstellt

Die Inzidenz von chronischen Nierenerkrankungen hat sich im letzten Jahrzehnt verdoppelt, der derzeitige jährliche Zuwachs beträgt ungefähr acht Prozent, und die Behandlungskosten betragen mehrere Milliarden Euro pro Jahr.“ So erklärt Projektleiter Christoph Aufricht von der MedUni Wien die Notwendigkeit, in diesem Bereich neue Diagnostika und Therapien zu entwickeln.

Dazu dient das Projekt "European Training and Research in Peritoneal Dialysis“ EuTRiPD. Es arbeitet im Rahmen des Marie Curie Initial Training Networks zur europäischen Forschung und Entwicklung und erhält dafür von der Europäischen Union 3,2 Millionen Euro.

Von insgesamt 1000 eingereichten EU-Projekten landete das EuTRiPD-Projekt mit 95,8 von 100 Punkten unter den Top Ten. Im Netzwerk arbeiten europaweit Akademiker, Kliniker und medizinische Unternehmen, um bestehende Lücken in der Behandlung sowie in der Forschung im Bereich der Peritonealdialyse zu schließen.

Die Vorgeschichte des Netzwerks

Das Netzwerk besteht formal seit Dezember 2011, doch seine Entstehungsgeschichte reicht viel weiter zurück. "Der Beginn jedes Netzwerks ist immer irgendeine Form von Teamarbeit im eigenen Bereich. Bei uns war das Mitte der Neunzigerjahre, als ich mit zwei gleichaltrigen Kollegen, Klaus Arbeiter und Thomas Müller, zusammenarbeitete“, erklärt Aufricht. "Wir hatten unsere Aufgaben verteilt; jeder stützte den anderen. So war es jedem von uns möglich, ins Ausland zu gehen. Ich beschäftigte mich in Yale wissenschaftlich mit einem neuen Thema: mit Hitzeschockproteinen.“

Diese entstehen bei zellulärem Stress, sie sind die spezifische biologische Antwort einer Zelle gegen eine Schädigung. Über diese Nische der zellulären Stressanalyse bei Nierenversagen kam Aufricht zum Thema Peritonealdialyse: "Wir entdeckten, dass es spezielle Erkrankungen bzw. Behandlungsformen gibt, wo quasi als Nebenwirkung diese Stressantwort blockiert wird. Zum Beispiel bei der Peritonealdialyse.“

Ein Ersatz für die Blutdialyse?

Die Peritonealdialyse (PD) sei, so Aufricht, eine ebenso gute Form der Behandlung wie die Blutdialyse, doch sie werde nur selten angewendet. "Ich dachte als Kinderarzt immer, die PD ist die Heimdialyse, und die Hämodialyse die geeignete Form für Personen, wo das mit der PD zu Hause nicht klappt, und beide Therapien wären völlig gleichwertig. Doch im Zuge der Forschung sah ich, dass 90 Prozent der erwachsenen Patienten die teurere Hämodialyse bekommen.“

In den USA werde das gerade so geändert, dass die Kosten pro Patient die gleichen sind und nicht mehr nach der Form der Behandlung unterschieden wird. "Das wird wohl dazu führen, dass mehr PD gemacht wird“, sagt Aufricht.

Ein Nachteil der PD: auf Dauer wird das Bauchfell von den zuckerhältigen Dialyselösungen geschädigt, das Entzündungsrisiko steigt. An diesem Punkt setzt das EuTRiPD-Netzwerk seine Forschung an.

Auf dem Weg zum Netzwerk

Christoph Aufricht beschreibt die ersten Schritte zu einem EU-Forschungsprojekt so: "Ich brauchte ein Zellkulturmodell der PD, anhand dessen man verschiedene Formen der Entzündung studieren kann. So arbeitete ich mit einem Kollegen in Berlin zusammen, der sehr gute Zellkulturen anfertigte. Außerdem brauchte ich ein Tiermodell und stieß auf Rob Beelen in Amsterdam, der das beste Tiermodell hatte. Der wiederum erzählte mir von Spaniern, die über die Fibrosierung forschten. Und ein Kinderarzt in Heidelberg meinte, an Kindern könne man Nierenkrankheiten am besten erforschen.“

Allmählich entstand aus informellen Treffen und einzelnen bilateralen Kooperationen ein informelles Netzwerk quer durch Europa. Auch die Medizinische Universität Posen und die Cardiff University kamen hinzu.

Das EU-Forschungsprojekt

Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine klaren Spielregeln, aber einen Vertrauensvorschuss. "Mit der Zeit wird dieser Vertrauensvorschuss bestätigt oder falsifiziert. Da die Chemie untereinander stimmte, klappte die Arbeit. So dachte ich, das sollte man in einem größeren Rahmen machen. Wir beschlossen, den Antrag für ein EU-Projekt einzureichen. Rob Beelen war der ideale Koordinator.“

Das dreijährige Projekt ist in drei Arbeitsschritte gegliedert: 1.) Erkrankungen des Bauchfells und seine Wiederherstellung auf der Zellebene; 2.) Experimentelle PD in komplexen lebenden Organismen (Ratten, Mäuse); 3.) Umsetzung der Forschung auf menschliche Organismen via Biobanken.

Eingebunden in das europaweite Netzwerk sind Forscher, außerdem Unternehmen sowie Patientenverbände. Vor allem die Teilnahme Letzterer erachtet Aufricht als wichtigen Schritt: "Die EU hat uns gezwungen, viel zu kommunizieren - zunächst untereinander. Wir haben uns aber auch intensiv mit der Kommunikation mit Patienten beschäftigt.“

Chance für junge Wissenschafter

Im Rahmen des EuTRiPD-Projekts wird nicht nur Forschung betrieben, sondern auch gelehrt. Dafür wurde ein gemeinsames Ausbildungszentrum für Jungforscher eingerichtet, die PD-Academy. "Wir haben zwölf Jungforscher ausgesucht, deren Dissertationsthemen zu unserem Forschungsgebiet passen.“ Jeder Professor im EuTRiPD-Netzwerk betreut einen Jungwissenschafter.

Darüber hinaus gibt es intersektorale Kooperationen, das heißt, jeder der zwölf muss für jeweils ein paar Monate woanders hin. "Nach Wien wird zunächst eine Polin kommen sowie eine Italienerin, die sich derzeit aber noch in Chicago befindet. Da wird Englisch gesprochen werden, was zu einer weiteren Internationalisierung führt.“

Ein nicht geringer Anteil der EU-Gelder ist für diese Trainingszwecke gedacht. "36 Monate lang für jeweils zwölf Studenten je 1800 Euro - macht eine dreiviertel Million“, rechnet Projektleiter Aufricht vor.

Das Lernziel lautet, auf dem Gebiet der Peritonealdialyse "eine neue Generation von MedizinerInnen und WissenschafterInnen“ auszubilden, steht in der Presse-Aussendung. "Diese Jungforscher müssen sich nicht mühsam erkämpfen, einander kennenzulernen - anders als wir“, sagt Aufricht und prognostiziert: "Am Schluss werden zwei Gruppen entstanden sein: die Gruppe der principle investigators, also wir. Und eine Gruppe junger Wissenschafter, die das neue Netzwerk bilden.“

Peritonealdialyse

Die Peritonealdialyse (PD) ist eine Form der Nierenersatztherapie. Zum einen überbrückt sie die Zeit bis zur Nierentransplantation. Zum anderen kommt sie auch bei vielen Langzeitpatienten zum Einsatz, etwa, wenn eine Transplantation nicht möglich ist. Bei der PD wird das Bauchfell (Peritoneum), eine gut durchblutete Membran, die bei einem Erwachsenen bis zu zwei Quadratmetern Fläche hat, als Filter verwendet. Über einen Katheter wird eine Dialyselösung in den Bauchraum geleitet, dabei treten die Giftstoffe aus dem Blut durch die Kapillargefäße des Bauchfells in die Dialyselösung über, die dann nach einigen Stunden abgeleitet wird. Diese Form der Dialyse muss mehrmals täglich durchgeführt werden. Sie ist schonender als die Blutdialyse, und sie ist daheim, unabhängig von speziellen Maschinen, durchführbar.

Das Netzwerk

Projektkoordinator Rob Beelen über die Vorteile eines Forschungsnetzwerks im Unterschied zu herkömmlicher Forschung: "Die zwölf Jungforscher werden quer durch Europa ausgebildet, und jeder von ihnen wird auch eine gewisse Zeit bei einem anderen Projektpartner verbringen; halbjährliche Fortbildungstreffen der Jungwissenschafter, ihrer Betreuer sowie des Konsortiums werden stattfinden. Darüber hinaus bleibt die EuTRiPD-Academy bestehen, wenn das Fördergeld ausgelaufen ist. Eine Verwertung der Ergebnisse ist vorgesehen, nicht zuletzt aufgrund der starken Beteiligung von privaten und öffentlichen Partnern.“ (Am Projekt sind zehn vollwertige Partner beteiligt, davon zwei aus der Industrie und acht aus der Wissenschaft; vier assoziierte Partner, davon einer aus der Industrie sowie drei öffentliche).

Linktipp:

www.eutripd.eu

Rutger Kramer

Institut für Mittelalterforschung


Er arbeitet als Projektkoordinator des Spezialforschungsbereiches Visions of Community: Comparative Approaches to Ethnicity, Region and Empire in Christianity, Islam and Buddhism. Die zentrale Frage seiner Forschungsarbeit ist die Wechselwirkung zwischen zentralisierenden Herrschaftsideologien und die Vielfalt an religiösen Diskursen im frühmittelalterlichen Reich der Karolinger.

"Aus meiner Sicht besteht der größte Gewinn eines interdisziplinären Forschungsnetzwerks darin, dass es den Dialog zwischen Individuen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven und auf allen akademischen Ebenen ermöglicht. Aus solchen Dialogen entstehen neue Fragen, neue Antworten und auch neue Ansätze, um Forschungsergebnisse in einen breiteren Kontext zu stellen.“

Foto: Arnold Pöschl

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige