Netzwerke für die Entstehung Europas

Ortrun Veichtlbauer, Erich Klein | aus HEUREKA 2/12 vom 23.05.2012

Der Historiker Karl Vocelka im Gespräch über moderne Netzwerke und ihre Vorgänger in der europäischen Gelehrtenrepublik

Dem Konzept der Forschungsnetzwerke, wie es die EU propagiert, steht das ältere Modell der europaweiten Gelehrtenrepublik gegenüber. Wir sprachen mit einem zeitgenössischen Vertreter dieses weitverzweigten "Netzwerks“.

Eine Ihnen gewidmete Festschrift belegt Ihr weit gestreutes Netz an Interessen und Verbindungen. Sie leiten das Institut für die Erforschung der Frühen Neuzeit. Dort finden sich auch viele Schüler …

Karl Vocelka: Was den nachhaltigen Kontakt zu Studierenden betrifft: Das Institut wurde vor fünfundzwanzig Jahren gegründet - und tatsächlich sind heute viele ehemalige Schüler dabei. Es entstand ein Netzwerk, das so nicht geplant war. Seine Mitglieder vernetzen sich selbst auch wieder. Es ist jedenfalls basisdemokratisch organisiert und funktioniert unentgeltlich.

Netzwerke verfügen über Ein- und Ausschlussmechanismen. Wie sah das aus Ihrer Sicht früher aus?

Vocelka: Kontakte zwischen Menschen oder Freundeskreisen gab es schon immer. Da ist seit den großen Korrespondenzen der Humanisten nichts Neues geschehen. Durch die Vernetzung erfolgt ein Austausch von Ideen. Dass Netzwerke die Karriere fördern, ist nicht ganz ohne Bedeutung. Das war auch bei den Humanisten so: Man kennt am Wiener Hof jemanden, der das Ohr des Kaisers hat - und dann bekommt man den Job in der Bibliothek.

Was ist der Beitrag dieser Netzwerke für die Herausbildung von Europa?

Vocelka: Ein großer: die Höfe haben diese Netzwerke gefördert. Die Universitäten waren weniger bedeutend als heute. Bei den großen Forschungsinstitutionen wie der Royal Academy oder Académie française spielte der jeweilige Herrscher eine große Rolle - nicht nur als Geldgeber. Diese Akademien waren wichtig für das Image und das Prestige. Die Wissenschaft wurde gefördert, aber sie diente eben auch den Höfen. Es war keine in unserem Sinn unabhängige Wissenschaft. Einem Hofgenealogen bei Maximilian I. wurde gesagt: Ich möchte unbedingt von Karl dem Großen abstammen, von den Merowingern oder einer römischen Adelsfamilie! Dementsprechend wurde die Genealogie hingetrimmt - mit ziemlichen Geschichtsklitterungen. Dem ähnelt die heutige Auftragsforschung - vielleicht weniger in der Geschichte. Aber in der Medizin ist das sicher ein Thema: Fördert eine Pharmafirma ein Forschungsprojekt, stellt sich die Frage, welche Ergebnisse sie erwartet. Ich habe mich vor langer Zeit mit Erdbebenforschung beschäftigt - das ist wichtig für Atomkraftwerke und andere Großprojekte. In Italien gab es dafür ein Großins-titut, das hundert Historiker beschäftigte. Finanziert wurde es vom staatlichen Energiekonzern. Ob man auch alles, was man da in den langen Beobachtungsreihen über die Erdbeben herausfand, sagen durfte, sei dahingestellt. Jedenfalls waren die Gelehrtenrepubliken in der frühen Neuzeit wichtig für die europäische Identität. Man hat sich dabei nicht auf ein Land beschränkt. Außerdem gab es eine lingua franca dieser Gelehrtenrepublik: das Lateinische. In einer sehr kleinen Schicht fand eine Art Europäisierung statt, auch wenn der kleine Bauer in den böhmischen Wäldern oder im Zillertal davon nichts wusste.

Sind es nicht Netzwerke, die unsere Erzählungen von der Geschichte bilden?

Vocelka: Nicht in dem Sinn, wie das heute etwa die Politologen tun. Und was die frühe Neuzeit betrifft - da hat niemand mehr etwas zu verbergen. Sie endete vor über zweihundert Jahren. In der Zeitgeschichte spielt das sicher eine Rolle, weil es den entsprechenden politischen Willen gibt, und weil die Historiker natürlich auch dem einen oder anderen Lager näher stehen und von dort Aufträge bekommen.

Sie sind für den Internetauftritt www.habsburger.net verantwortlich. War das Internet eine neue Erfahrung?

Vocelka: Ich war immer der Meinung, dass Geschichtsschreibung sich nicht durch eine Fülle an Fußnoten beweisen muss. Man kann Geschichte auch einem breiteren Publikum vermitteln, und das bei solider Wissenschaft. Forschung hat auch eine gesellschaftliche Funktion, wir werden schließlich vom Staat bezahlt, und sollen unsere Ergebnisse auch vermitteln., Die Welt der Habsburger‘ hat mit den Entwicklungen der Zeit zu tun, und ich wollte nicht an den neuen Medien vorbeigehen. Wenn ich einen Dreizehnjährigen für das Thema Habsburger begeistern will, geht das mit der Möglichkeit, im Netz zu surfen, besser als mit einem dicken Buch.

Geht das nicht bisweilen auf Kosten von Kritik und Urteilsfähigkeit?

Vocelka: Es ist natürlich auch für die frühere Geschichte wichtig, klar zu machen, dass etwa das 19. Jahrhundert nicht nur der, gute‘ Kaiser Franz Josef war und die schöne Sisi, sondern auch eine Zeit von Arbeiter- und Bauernelend oder des Antisemitismus. Ich sage es in den Vorlesungen und bei der Lehrerausbildung immer wieder: Man kann nicht Österreichs Weg zur Großmacht feiern, und dann kommt ein Adolf Hitler, der auch eine Großmacht will, und der ist plötzlich böse. Als wäre bei den Habsburgern vorher alles in Ordnung gewesen. Auch wenn die Habsburger große Verdienste hatten - für die Sammlungen etwa, von denen heute der Fremdenverkehr lebt -, muss man mit der Kritik bei ihnen anfangen. Da ist etwa auch über die Sammlungen zu sagen, dass sie vom Volk finanziert wurden.

Ein Dauerbrenner ist seit einem halben Jahrhundert ein Haus der Geschichte …

Vocelka: Dem Fremdenverkehr ist das Sisi-Museum wichtiger. Was das Haus der Geschichte betrifft, so ist das kein Problem der scientific community, auch wenn man sich fragen darf, ob sich die auf ein gemeinsames Konzept einigen könnte. Aber da bin ich nicht Zeithistoriker genug - das Ganze ist ein Politikum. Das Haus der Geschichte ist auch eine Frage der Generationen. Das hat sich in Deutschland im Bereich der Wissenschaftsgeschichte gezeigt: Erst die Enkel haben mit jenen Historikern abgerechnet, die mit dem System des Nationalsozialismus verbunden waren. Der Austrofaschismus war lange Zeit eine totgeschwiegene Sache, ein Tabuthema, das erst in den letzten zehn Jahren aufgebrochen ist.

1989 hat Europa begonnen, sich neu zu ordnen - wie schaut es mit, unserem‘ Imperium in der Geschichtswissenschaft aus? Sie sprechen Tschechisch …

Vocelka: Es gab die Kontakte schon vor 1989. Das Netzwerk, das ich mit den Tschechen und zum Teil in Ungarn aufgebaut habe, entstand schon vorher. Das rechnen mir die Tschechen heute positiv an. Nach 1989 hat Erhard Busek eine Rolle für eine Reihe von Ost-West-Projekten gespielt, auch wenn die in der Mitte steckengeblieben sind. Aber das Ministerium bemüht sich. Mit den Nachbarländern sind wir in vielerlei Hinsicht gut vernetzt.

Wie sieht es mit einer gemeinsamen europäischen Geschichte aus?

Vocelka: Es gibt nur europäische Geschichten. Ich bereite gerade eine oberösterreichische Landesausstellung vor, die grenzüberschreitend sein wird - Mühlviertel und Tschechische Republik. Bei den alten Handelsstraßen gibt es nicht viele Probleme, bei anderen Punkten wie der Vertreibung der Deutschen hingegen schon. Die angedachte Lösung besteht in den unterschiedlichen Erzählperspektiven, die immer sehr stark national bestimmt sind. Diesbezüglich hatte ich mit einem türkischen Studenten ein Urerlebnis: Es ging um den Fall von Byzanz 1453 - aus unserer damaligen Sicht schrecklich. Doch der Student schrie laut "Ja!“, denn für die Osmanen war es ein großes Ereignis. Der Sultan hatte endlich eine Hauptstadt.

Liegt die Wahrheit in den Netzwerken, die alles relativieren?

Wo die Wahrheit liegt, ist schwer festzustellen, weil es die Wahrheit halt auch nicht gibt. Man kann sich ihr nur annähern und klarmachen, welche Perspektive man einnimmt.

Karl Vocelka,

geboren 1947 in Wien, Vorstand des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit, Universität Wien.

Bücher (Auswahl): "Die Familien Habsburg und Habsburg-Lothringen. Politik - Kultur - Mentalität.“ (2010)

"Glanz und Untergang der höfischen Welt. Repräsentation, Reform und Reaktion im habsburgischen Vielvölkerstaat.“ (2001)

Wissenschaftlicher Leiter diverser Ausstellungen wie "Die Donau“;

"Zu Hause in der Fremde. Tschechen in Wien im 20. Jahrhundert“; "Feste feiern“

Gerda Heydemann

Institut für Mittelalterforschung

Gerda Heydemann arbeitet in einem Spezialforschungsbereich der Uni Wien und untersucht die Bedeutung von Religion für die Formierung von ethnischen oder politischen Gemeinschaften in verschiedenen mittelalterlichen Kulturen. Derzeit schreibt sie ihre Dissertation über die politische Rolle der Bibel im Frühmittelalter.

"Als besonders bereichernd empfinde ich die Zusammenarbeit in einem großen, interdisziplinären Team. Das Interesse für gemeinsame Fragestellungen bringt die Möglichkeit zu besonders intensivem Austausch mit KollegInnen, von den Mit-Doktorandinnen über die post-Docs bis zu den Projektleiterinnen.“

Foto: Arnold Pöschl

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