Was am Ende bleibt

Träume eines Geistersehers

Erich Klein | aus HEUREKA 2/12 vom 23.05.2012

Es metaphyselt im Land. Das wäre nicht weiter bedenklich, bliebe es im Privaten. Kürzlich beschloss aber der Verteidigungsminister, der Wahrheit über das "Grabmal des unbekannten Soldaten“ am Wiener Heldenplatz auf den Grund zu gehen.

Was war geschehen? Im mehrfach umgebauten Äußeren Burgtor befindet sich das zentrale Kriegerdenkmal des Landes. Ursprünglich für den "Unbekannten Soldaten“ des Ersten Weltkriegs geschaffen, wurden nach 1945 auch die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs dazu genommen. Die Bundesregierung verbeugt sich alljährlich davor und legt einen Kranz zum Zeichen des Totengedenkens nieder.

Wo liegt das Problem? Nach Hitlers Machtergreifung brüstete sich der Schöpfer der Skulptur, der Bildhauer und Hitlersympathisant Wilhelm Frass, er habe darunter eine Hülse mit einer Nazi-Inschrift versteckt.

Der Minister also dachte: Verneigen Präsidenten und Minister der Zweiten Republik noch immer ihre Häupter vor einer ominösen braunen Botschaft? Zugegeben, die Quellenlage ist dürftig, niemand weiß wie immer nichts. Also wurde eine Art Exhumierung der möglichen Nazi-Botschaft beschlossen.

Bei aller Widerwärtigkeit der Geschichte - so funktioniert sie nicht! Geschichte ist eine Geschichte von Dingen, aber vor allem eine von Übereinkünften, keine Substanz, die durch die Zeiten bis in die Gegenwart fließt; wie giftig sie auch sein mag. Wer an einen gut gemeinten Einzelfall und geschichtspolitischen Ausrutscher glaubte, wurde wenige Tage später eines Besseren belehrt. Der Entnazifizierung der republikanischen Kranzabwurfstelle nicht genug, wies der Generaldirektor von Funk und Fernsehen, der eigentlich nur ein neues Haus will, in einer ideologischen Parallelaktion darauf hin, dass im Funkhaus in der Argentinierstraße seinerzeit der Austrofaschismus propagiert wurde. Und danach waren auch noch die Nazis eingezogen. Beides stimmt - aber, was kann der Holzmeister-Bau dafür?

Wie meinte Immanuel Kant über den in den Eingeweiden tobenden "hypochondrischen Wind“?: "Geht er abwärts, so wird daraus ein F-, steigt er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder eine heilige Eingebung.“ Sancta Simplicitas, bewahre uns vor den Dünsten des nachholenden Antifaschismus!

Immanuel Kant, Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik (Königsberg 1766), www.gutenberg.org

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