Kommentar

Vom Gebären, Bilden und Ausbilden

Verena Winiwarter | aus HEUREKA 3/12 vom 20.06.2012

Man kommt in den Kreißsaal, Ärzte und Hebammen kümmern sich um einen, und am Ende kommt man mit einem Kind raus.“ So beschrieb mir eine Freundin, wie sie sich das Kinderkriegen vorstellt. Meine Hebamme erzählte mir in Vorbereitung auf eine Hausgeburt eine andere Geschichte. Das Wichtigste an der Geburt seien Mutter und Kind, die Umgebung müsse auf die Mutter abgestimmt sein, es komme auf ihre Kraft an, und die meiste Arbeit beim Gebären würden die Kinder leisten.

Die Vorstellungen darüber, wie das Bildungssystem funktioniert, sind ähnlich divers. Einmal geht es um Ausbildung, um eine von vornherein geklärte und in ihrem Umfang beschreibbare Serviceleistung mit definierten Inhalten und einer Differenz zwischen Studierenden und Lehrenden, die der von Gebärenden und Ärzten im Kreißsaal ähnlich ist. Das andere Mal handelt es sich um Bildung, einen Prozess mit offenem Ausgang, in dem die Arbeit der Lehrenden der von Hebammen ähnlich ist. Es geht darum, die eigene Kraft der Lernenden zu steuern, ihnen dabei zu helfen, die Produkte ihres Geistes in die Welt zu bringen.

Das Bildungssystem bewegt sich auf der Primärstufe vom Ausbildungs- zum Bildungspol. Der Sekundarstufe geht es um Kompetenzorientierung. So nähert sie sich dem Bildungspol an, lebt aber eine schul- und lehrerinnenabhängige Mischform. Auf der Tertiärstufe geht der Trend von der Bildung zur Ausbildung, mit Fachhochschulen, Mustercurricula und zunehmendem Druck auf das Absolvieren eines Studiums in der "Regelstudienzeit“.

Soviel zum Bildungssystem. Sehen wir nun das Zielsystem an: Welche Kompetenzen brauchen Menschen, um erfolgreiche WissenschafterInnen zu sein? Sie brauchen Fachwissen, aber das allein reicht bei Weitem nicht. Sie brauchen Reflexionskompetenz (sie müssen imstande sein, darüber nachzudenken, was sie warum tun), Sozialkompetenz und die Kompetenz zur Gestaltung von sozialen (Lern-)Prozessen (Teamfähigkeit ist zentral) und Problemlösungskompetenz (Wissenschaft ist ein Gang durch unbekanntes, unsicheres Gelände, da muss Mann/Frau basteln können, ob im Labor oder im Befragungsdesign).

WissenschafterInnen brauchen Mut, Vertrauen, Neugierde und eine Prise Abenteuerlust, besonders dann, wenn sie sich außerhalb disziplinärer Grenzen bewegen, an den Rändern, an denen die Innovationskraft der Wissenschaft am größten ist. Am Kindergarten liegt es nicht, wenn die AbsolventInnen tertiärer Bildungseinrichtungen sich nicht zur WissenschafterIn berufen fühlen.

Verena Winiwarter ist Dekanin der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung an der Uni Klagenfurt

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