Brief aus Brüssel

Very bad English

Emily Walton | aus HEUREKA 3/12 vom 20.06.2012

Schauplatz Spielplatz: Auf der Rutsche in Wien wie auch in einem Brüsseler Sandkasten können Erwachsene beobachten, wie interkulturelle Kommunikation funktioniert: Treffen Kinder unterschiedlicher Länder aufeinander, verständigen sie sich - irgendwie. Perfektionsansprüche gibt es nicht, allein das Gelingen ist wichtig: Mit Händen und Füßen tauschen sich die Kleinen aus. Sie plappern drauf los, in der eigenen Sprache; schaffen vielleicht auch eine neue Sprache, die aus gemeinsamen Lauten wie "da“, "ui“ und "bru“ besteht. Übersetzer brauchen sie nicht.

In der Erwachsenenwelt ist es nicht mehr so einfach, zumal es ja um viel mehr geht. Qualifizierte Dolmetscher sitzen in den EU-Institutionen. Sie blicken von ihren Kämmerchen aus auf die Plenarsäle und übersetzen simultan. Damit auch jeder alles versteht. Damit die Sprache perfekt ist. 23 Amtssprachen gibt es in der EU.

Außerhalb der Plenarsäle aber ist in Brüssel ein jeder - ob Politiker, Journalist oder Tourist - selbst für die Verständigung zuständig. Englisch wird dann zur Sprache auf dem großen europäischen Spielplatz.

Dass nicht jeder die Sprache perfekt beherrscht, wissen wir. Mit ihrem mäßigen Englisch sorgt etwa die Finanzministerin immer wieder für Aufsehen. (Zitat: "Shortly, without von delay.“) In Wien stellt es Englischkundigen die Haare auf.

In Brüssel hingegen zucken die Wenigsten mit der Wimper, wenn das englische "th“ als "s“ ausgesprochen wird; wenn der Satzbau holprig ist, falsche Zeiten verwendet und Wörter ganz neu erfunden werden.

"Bad English“ (manche sagen auch "Pigeon-English“) erscheint als die inoffizielle Amtssprache rund um den Place Schuman, Sitz der Europäischen Kommission und des Rats. Wenn Eurokraten zum Essen ins nahe gelegene Restaurant "Atelier Européen“ gehen, wird gar nicht erst versucht, auf Französisch - die belgische Amtssprache neben Niederländisch - zu bestellen. Und wer es doch mit Schulfranzösisch probiert, bekommt meist eine ungeduldige Antwort - auf Englisch. So etwa ist es in einer Bar nahe dem Europäischen Parlament passiert. Ich: "Est-ce que vous avez un menu?“ Der Kellner antwortet: "Two big beer?“

Was bleibt einem da anderes übrig, als es wie die Kinder auf dem Spielplatz zu machen? Perfektion ablegen. Lieber nicken, das Bier annehmen und "Bad English“ lernen.

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