Schule als Beihilfe zum Erfinden

Gunnar Heinsohn | aus HEUREKA 3/12 vom 20.06.2012

Statt Kindern beizubringen, Standardtests auszufüllen, sollte man sie fürs Erfinden begeistern

Leben als wissenschaftliches Ergreifen der Welt bedeutet, dass Phänomene erklärt werden. Oder als noch nicht gut oder gar nicht erklärte Probleme vermittelt werden.

Diese Haltung zerstört keineswegs den Zauber spontaner Begegnungen in Bewunderung, Staunen und Erschrecken. Sie besteht aber darauf, dass nirgendwo Zauberei oder Übernatürliches den Lauf der Dinge bestimmt. Magie bleibt als Unterhaltung und eigenes Experimentier- oder Forschungsobjekt willkommen, wird aber nie als Ersatz für Erklärungen akzeptiert.

Zu den Einsichten einer forschenden Haltung gehört, dass man sie nicht ungebrochen durchhalten kann. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene fallen immer wieder auf wissenschaftsfremde Betrachtungen zurück, fliehen in Rätsel, Wunder, Komplexitäten und Gefühle. Solange aber der wissenschaftliche Zugang dominant bleibt, wird zu einer entzaubernden und entgöttlichenden Sicht zurückgefunden.

Das erfolgt oft als Freude bringender und Zorn reduzierender Prozess. Denn einem Ideologen oder Frömmler und mehr noch einem Verbohrten oder Frommen wird man mit Interesse, gewiss auch mit Sorge, nicht aber mit Feindschaft begegnen. Was treibt so einen um und wie leicht könnte man selbst in seine Richtung treiben, bestimmt dann die Begegnung - nicht jedoch Absonderung und Frontstellung. Was hat so einer an Tröstungen zur Verfügung, auf die niemand leicht verzichtet? Und wo wirkt im aufgeklärten Gestus doch wieder nur ein kaschierter Wunderglaube oder eine hochmögende Sinngebung des Sinnlosen?

Was halten Rituale und abergläubische Formeln an Erinnerung fest, deren ursprünglicher Erregungshintergrund nur noch über die Dechiffrierung dieser "unseriösen“ Stoffe, durch Geisteswissenschaft wiederzugewinnen ist? Was geschah einst so verstörend von den Sternen bzw. vom Himmel her, dass es bis heute astrologisch faszinieren kann?

Ausprobieren und Experimentieren bilden bis zum zwölften Lebensjahr den Königsweg des Begreifens. Erst dann kann das Gedankenexperiment die Oberhand gewinnen. Mit der "sensomotorischen Intelligenz“ der ersten zwei Jahre lassen sich äußere Objekte handhaben und wiedererkennen. Sie kann aber noch keinen inneren Begriff von ihnen bilden. Die "präoperationale Intelligenz“ (zwei bis sieben Jahre) erweitert über Spracherwerb und das Bilden von Vorstellungen das Verstehen explosiv, will die Umgebung aber immer noch egozentrisch vereinnahmen. Die "konkret-operationale Intelligenz“ (sieben bis zwölf Jahre) erkennt Umkehrbarkeit und Unveränderlichkeit. Sie findet auch zur Ordnung in Gruppen und Ausschlüssen. Erst die "formal-operationale Intelligenz“ (ab zwölf Jahren) jedoch umfasst logisches Denken, Umkehrschlüsse und das Untersuchen des Denkens selbst.

Nicht jedes Kind erreicht die letzte Stufe. Doch auch jene, die sie meistern, finden nur schwer Schulen, die das begriffslose Experimentieren der Kleinen durch das Arbeiten an Problemen ersetzen, bei deren Lösung die Jugendlichen das Hantieren mit dem Theoretisieren verbinden müssen.

Stattdessen besteht das gewöhnliche Erfolgserlebnis darin, aus mehreren Antwortmöglichkeiten auf eine Standardfrage die richtige angekreuzt und dafür eine gute Zensur erhalten zu haben. Schulen, die ihren Bildungsauftrag als Beihilfe zum Erfinden begreifen, wären das Gebot der Stunde. Sie könnten dem demografisch unvermeidlichen Rückgang an ingenieur- und naturwissenschaftlich Interessierten dadurch begegnen, dass wenigstens der schrumpfende Rest kompetent antreten kann, wenn es darum geht, den globalen Rang unter den prosperierenden Nationen zu verteidigen.

Gunnar Heinsohn ist Soziologe und Ökonom

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