Haidingers Hort der Wissenschaft

Vom Märchen- zum Erbonkel

Martin Haidinger | aus HEUREKA 3/12 vom 20.06.2012

Schon als Kind bekam ich eine Gänsehaut, wenn sie sich näherten: Jene Pädagogen beiderlei Geschlechts, die manche Inhalte salbungsvoll und seltsam gewunden "kindgerecht“ zu erklären versuchten und dabei meilenlange Umwege in der Argumentations- und Assoziationskette angeblich kindlicher Innenwelten zurücklegten.

Nachdem in der ersten Klasse Volksschule Monate mit dem nervtötenden Absingen von "Mein Roller, mein Roller“-Liedlein vergangen waren, stellte ich als einigermaßen verdrossener wie altkluger Sechsjähriger meiner wirklich lieben, aber überpädagogisierenden Religionslehrerin die nahe liegende Frage, wann in dieser Veranstaltung endlich einmal etwas über Gott zu hören sein werde - schließlich der offizielle Anlass für unsere wiederholte Zusammenkunft im Klassenzimmer zum Religionsunterricht. An die Antwort der Armen kann ich mich leider nicht mehr erinnern.

Bei der Religion blieb es nicht, denn wir mussten in den Siebzigerjahren in praktisch allen Fächern erst einmal Hekatomben von schlecht gezeichneten Lehrbehelfscomics und pseudo-jugendgerechten Texten durchkauen. Echte Literatur, die auch die Großen konsumierten, konnte ich wenigstens unter der Bank oder in der Freizeit (o wie liebte ich die selbstverwalteten Nachmittage der Halbtagsschule!) lesen, und Entspannung boten immerhin Donald Duck und mein Held Onkel Dagobert, der als knallharter Plutokrat entsprechend weit entfernt von der weichen Tour der Kinderversteher quakte und werkte.

"Leute, kommt zum Punkt!“, blieb quälender Leitgedanke und stummer Schrei der Jugendjahre. Das sollte auch heute der kategorische Imperativ jeglicher Lehre vom Kindergarten bis zur Kinderuni sein, denn motivierendes Überfordern regt an, infantiles Unterfordern regt auf!

Stellen wir uns Kinder gefälligst nicht als kleine Dummerln vor, die man nicht mit erwachsenen Inhalten konfrontieren könnte, und denen man Märchen erzählen müsste, sondern bedenken wir, dass wir in ihnen so etwas wie sensible Erbonkel vor uns haben: Sie sind reich (denn sie vererben uns vorweg die Hoffnung auf eine gute Zukunft), sehr interessiert, aber schnell zu langweilen.

Vor allem hassen sie es, wenn sie merken, dass man sie für dumm verkaufen will. Wenn wir es schaffen, sie zu bilden, wie sie es verdienen, werden sie uns nicht enterben. Sehen wir in den Kindern ein wenig mehr die kommenden Erwachsenen und nicht Versuchskarnickel für pädagogische Hyperaktivität, die sich bisweilen selbst genügt!

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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