Kinder braucht die Forschung keine, oder?

Anja Stegmaier und Sonja Dries | aus HEUREKA 3/12 vom 20.06.2012

Wissenschafter haben keine Zeit für Kinder - nicht einmal dafür, welche zu zeugen. Zum Glück gibt es "bildungsferne Milieus“, die Forschernachwuchs hervorbringen

Nachwuchs für die Wissenschaft - das wird ein zunehmend wichtiges Thema für Österreichs Unis und Wirtschaft. Das Gespenst des "Fachkräftemangels“ geht um, die Geburtenrate sinkt. Auch wird die Forderung lauter, Kinder aus sogenannten bildungsfernen Haushalten einzubinden. Wie steht es aber um den Nachwuchs des wissenschaftlichen Personals selbst?

Die Wissenschaft gebiert heutzutage keine Kinder

Mütter und Väter sind in der Wissenschaft kaum zu finden und Kinder unsichtbar. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Deutschland hat eine Studie veröffentlicht, die deutliche Aussagen über den Arbeitgeber Universität trifft. 72 Prozent des wissenschaftlichen Nachwuchses, Männer wie Frauen, sind kinderlos, obwohl sich die Mehrzahl eine Familie wünscht.

Familienfreundlichkeit ist heute für gut ausgebildete Frauen und für immer mehr Männer ein wesentliches Entscheidungskriterium bei der Wahl des Arbeitgebers. Universitäten müssen nachhaltig wirksame Gleichstellungskonzepte mit Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf umsetzen. Verlässliche Kinderbetreuung vor Ort ist nur ein Faktor von vielen.

Sigrid Metz-Göckel, Professorin an der TU Dortmund, benennt in ihrem Projekt "Wissen- oder Elternschaft?“ weitere Erschwernisse für Eltern im Wissenschaftsbetrieb. Es gäbe einen klaren Bezug zwischen Kinderlosigkeit und befristeten Beschäftigungsverhältnissen. Laut Science Center Netzwerk und dem "Generations and Gender Programme“ des Österreichischen Instituts für Familienforschung verhindern auch in Österreich prekäre Arbeitsbedingungen eine Familiengründung.

Bossing und Mobbing gegen Kinder an Unis

Ein weiterer Familienkiller ist der nach wie vor gepflegte Wissenschaft-Mythos, dem junge Forschende schwer gerecht werden können. Der Wissenschaftsbetrieb stellt einen hohen Verfügbarkeitsanspruch an seine Mitarbeitenden: Nur wer rund um die Uhr im Dienste der Wissenschaft steht und alle anderen Lebensbereiche unterordnet, könne in der Wissenschaft gut sein. Dies führt zu Ausgrenzung und Benachteiligung all derjenigen, die ihren familiären Pflichten nachkommen wollen. Ein Kinderwunsch wird streng geheim gehalten, Pflegeurlaub nicht genommen. Kinder werden von ihren Eltern bei der Arbeit geradezu verleugnet, da die Angst zu groß ist, an den Rand gedrängt zu werden.

Metz-Göckel kommt zu dem Schluss, dass sich Bossing und Mobbing aufgrund der Familie oder eines Kinderwunsches verheerend auf die Motivation der Mitarbeitenden auswirken und letztlich auch darauf Einfluss haben, ob der wissenschaftliche Nachwuchs an der Hochschule bleibt oder aussteigt.

Hochschullehrende, die Führungsverantwortung haben und den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern sollen, müssen sich der Verantwortung für die Stimmung in ihrem Arbeitsbereich bewusst werden. "Es ist an der Zeit, dass wir ein neues Bild von der wissenschaftlichen Persönlichkeit entwickeln und uns dabei ernsthaft fragen, welchen Wissenschafterinnen- oder Wissenschaftertyp wir kultivieren wollen“, sagt Metz-Göckel. "In der Wissenschaft Beschäftigte sollen wie alle anderen Menschen auch ein normales Leben mit Kindern führen können und nicht zu einem Dasein im Elfenbeinturm verbannt werden.“

Forscher, sehr heimisch, jung und preisgekrönt

Zwei, die zeigen, wie man trotz aller Hindernisse den Weg in die Wissenschaft finden kann, sind Patrick Marksteiner (20) und Patrick Neulinger (20) aus Oberösterreich. Bei der INTEL ISEF, dem weltweit größten Wettbewerb für Nachwuchsforschung in Pennsylvania, belegten sie den dritten Platz in der Kategorie "Computer Science“ und erhielten 1000 Dollar Preisgeld.

Für beide war die Platzierung "eine große Überraschung“. Denn ihre aktive Beteiligung an der Wissenschaft hatte erst 2011 mit ihrem Maturaprojekt an der HTL Perg begonnen. Da hatten sich Marksteiner und Neulinger kennengelernt, als sie den Zweig "EDV und Organisation“ begannen.

Fünf Jahre später waren sie auf der Suche nach einem Thema für ihr Abschlussprojekt. Ein Lehrer erzählte ihnen zufällig von den zahlreichen Lawinenopfern in Österreichs Bergen. Gleichzeitig hatten sie in einer Wissenschaftssendung einen Bericht über den "Quadrocopter“ gesehen. Das ist ein Hubschrauber mit vier Rotoren, der senkrecht starten und landen sowie in alle Richtungen fliegen kann.

Ihnen kam die Idee, so etwas bei Lawinen einzusetzen, und erfanden AVIO, ein intelligentes Lawinensuchgerät. Es fliegt autonom zur Einsatzstelle, ortet die Peilsender der Verschütteten und sendet die GPS-Punkte an Google Earth. Die GPS-Punkte können dann von den Rettern abgerufen werden, um gezielt zu den Opfern vorzudringen.

Letztes Jahr gewannen sie mit dieser Idee den ersten Preis bei Jugend Innovativ, Österreichs größtem Schulwettbewerb für innovative Ideen. Als Förderung für ihr Projekt erhielten die beiden 250 Euro. "Das reichte gerade für die Anfahrt und zwei Leberkäsesemmeln“, sagt Neulinger schmunzelnd.

Jungforscher aus "bildungsfremdem Milieu“

In den USA ist man in Sachen Förderung schon um einiges weiter. Der Gewinner der INTEL ISEF 2004 hatte 1,5 Millionen Dollar als Förderung für sein Projekt erhalten. Für die Oberösterreicher ließ auch die Unterstützung der Schule anfangs zu wünschen übrig. Die vielen Arbeitsstunden im Projekt verrichteten die Schüler in ihrer Freizeit. Erst als AVIO begann, Preise zu gewinnen, setzte sich die Schule als Förderer der Idee in Szene.

Mehr Rückhalt erhielten sie von ihren Familien, obwohl die keinen akademischen Hintergrund haben. "Als wir unseren Eltern von der Erfindung erzählten, wussten die erst gar nicht, woher das Interesse an der Forschung kommt“, sagt Marksteiner. Seine Mutter ist Hausfrau, sein Vater Landschaftsbetreuer, Neulingers Vater Fernfahrer, die Mutter Köchin. Obwohl die Eltern sich zunächst nichts unter dem Projekt vorstellen konnten, standen sie von Anfang an hinter ihren Kindern. Sie investierten viel Zeit in Reisen zu den Wettbewerbsorten und versuchten Raum für die Arbeit zu schaffen. "Ohne die Unterstützung unserer Eltern wäre das nicht möglich gewesen“, erklärt Neulinger.

Sowohl er als auch Patrick Marksteiner können sich gut vorstellen, künftig im Wissenschaftsbereich zu arbeiten. Doch für beide ist auch klar, dass sie selbst eine Familie gründen wollen. Auf die Frage, wie sie das mit dem Arbeitspensum, das man in dieser Sparte zu bewältigen hat, schaffen wollen, sind sie sich schnell einig: "Da muss man eben Prioritäten setzen und die Karriere als Forscher ein bisschen in den Hintergrund rücken.“

Die Erfahrungen, die sie durch die Arbeit an ihrem Projekt gesammelt haben, wollen die beiden jedenfalls nicht missen. Ein Gedanke hat sich dabei besonders festgesetzt: "Jeder, der eine gute Idee hat, egal in welchem Alter und mit welcher Herkunft, kann sie verwirklichen, wenn er Eigeninitiative zeigt und dran bleibt.“

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