Schockierende Erkenntnisse

Xaver Forthuber | aus HEUREKA 3/12 vom 20.06.2012

Zehn Jahre nach der Einführung des Bologna-Prozesses an unseren Universitäten: Was hat er gebracht?

Im Jahr 1999 trafen sich 29 europäische Bildungsminister in der italienischen Stadt Bologna und träumten den Traum von einer gemeinsamen europäischen Hochschullandschaft. Der sogenannte Bologna-Prozess begann in Österreich vor allem mit dem Universitätsgesetz 2002.

Der Bologna-Prozess war nur Absichtserklärung …

"Die Bedeutung von Bildung für die Entwicklung stabiler und demokratischer Gesellschaften ist allgemein als wichtigstes Ziel anerkannt“, erklärt die Bologna-Deklaration von 1999. Sie passt auf zweieinhalb A4-Seiten und besteht hauptsächlich aus solchen, eher diplomatisch formulierten Zielsetzungen. Dennoch wird sie nicht selten als richtungsweisende Zäsur in der Hochschulpolitik bezeichnet.

"Vieles, was im österreichischen Bildungssystem schlecht funktioniert, wird Bologna zugeschoben“, sagt Gottfried Bacher. In der Bologna-Kontaktstelle des Wissenschaftsministeriums koordiniert er die Umsetzung des Bologna-Prozesses zwischen nationaler und europäischer Ebene. Ziel bleibt die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes mit vergleichbaren Abschlüssen und Studienzeiten.

"Bologna ist freiwillig“, betont Bacher. "Es ist kein Staatsvertrag und auch kein EU-Prozess, wie oft angenommen wird, sondern lediglich eine Absichtserklärung der Bildungsminister, enger zusammenzuarbeiten.“ Die konkrete Umsetzung blieb den einzelnen Staaten überlassen -- mit erheblichem Interpretationsspielraum. "Einige Länder haben Gesetze gemacht, andere nur Empfehlungen abgegeben und den Rest der Autonomie ihren Universitäten überlassen“.

… aber in Österreich ist er mittlerweile Gesetz

Österreich machte Gesetze. Vor allem mit dem Universitätsgesetz von 2002 sollten die heimischen Hochschulstudien Bologna-konform werden. Von nun an musste jeder neu zugelassene Studienplan einer Zwei-Stufen-Logik entsprechen: Ein Bachelorstudium mit einer Durchschnittsdauer von drei Jahren, darauf aufbauend ein zweijähriger Master. In der Bologna-Deklaration ist die Rede von einem ersten Studienzyklus, der zu einer Beschäftigung am europäischen Arbeitsmarkt befähigen soll, und einem zweiten Zyklus für die Spezialisierung innerhalb des Faches. Später kam als dritter Zyklus das Doktoratsstudium hinzu, erst dort wird wissenschaftliche Tätigkeit als Zielsetzung genannt.

Was international längst Standard ist, stellt für Österreich eine "Kulturrevolution“ dar, sagt Arthur Schneeberger, Bologna-Experte am Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft. "Im deutschsprachigen Raum hat man immer sehr lange Studien gepflegt und abgehobene berufliche Positionen mit diesen Titeln verbunden. Jetzt geht man davon aus, dass es für den Bachelor reicht, breit kompetent zu sein, sodass er in Berufsfelder einsteigen und sich bewähren kann.“

Dient Hochschulbildung Interessen von Wirtschaftsunternehmen?

Das Wort Beschäftigungsfähigkeit (employability) stößt der ÖH-Vorsitzenden Janine Wulz sauer auf. "Die Hochschulbildung wird damit an die Interessen von Wirtschaftsunternehmen gekoppelt“, sagt sie. "Bildung wird zunehmend als Ware betrachtet.“ Das Interesse der Wirtschaft an Bachelors hält sich indes noch in Grenzen. "Für Bachelor-Absolventen gibt es zur Zeit kaum Karriereperspektiven“, sagt Martha Eckl, Bildungsexpertin bei der Wiener Arbeiterkammer. "Wenn man sich Stellenausschreibungen ansieht, wird kaum explizit nach Bachelors gefragt.“

Für Richter, Arzt und Unilehrer gilt kein Bologna-Prozess

Wichtige Studienrichtungen haben den Bologna-Prozess bis jetzt nicht mitgemacht. "Berufe wie Richter, Arzt oder Hochschullehrer sind nicht berührt“, stellt der Bildungsforscher Arthur Schneeberger fest. "Betroffen sind vor allem viele nicht voll professionalisierte Studien von der Theaterwissenschaft bis zur Theoretischen Physik. Dass diese Ausbildungen arbeitsmarktrelevant sind, ist eine Behauptung, die erst einmal eingelöst werden muss.“

Bernhard Wundsam, Geschäftsführer des Karriereportals "uniport“ der Universität Wien, sieht einen frühen Erstabschluss dennoch als Chance für mehr Flexibilität auf dem Weg ins Arbeitsleben. "Ich muss mir nach dem dreijährigen Grundstudium immerhin zwangsläufig die Frage stellen: Soll ich weitermachen, aussteigen oder mich neu orientieren? Das entspricht auch stärker der Kompetenzvielfalt, die heute am Arbeitsmarkt gefragt ist.“

Finden Bachelor entsprechende Arbeitsplätze?

"uniport“ führt regelmäßig Studien durch, um die Karrierewege von Absolventen nachzuverfolgen. Quantitativ sieht es nicht so schlecht aus: Die Mehrheit der Bachelor-Absolventen würde innerhalb eines Monats nach Studienabschluss Arbeit finden. "Aber ob die auch der fachlichen Ausbildung entspricht, ist eine ganz andere Geschichte“, sagt Wundsam. Rund die Hälfte der Bachelorabsolventen aus Publizistik zum Beispiel findet sich einer Umfrage zufolge in fachfremden Jobs wieder.

"Der Bologna-Prozess war eine Kopfgeburt der Bildungsminister. Die Unis wurden viel zu wenig eingebunden“, sagt Heinz Mayer, Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät an der Uni Wien. "Die meisten unserer Absolventen gehen in regulierte Berufe, und die legen Wert auf gut ausgebildete Volljuristen. Ein Jus-Bachelor hätte am Markt praktisch keine Chancen gehabt. Wir schicken die Leute ja in eine Sackgasse!“

Die Einführung eines Bachelor-Studiums, so Mayer, hätte auch intensive fachliche Diskussionen innerhalb der Fakultät erfordert. "Die Frage ist: Was unterrichte ich im Grundstudium? Was wirft man hinaus?“ Nicht wenige Studienrichtungen hätten sich notgedrungen die Debatte erspart und das Grundstudium mit den Inhalten des alten Studienplanes "vollgestopft“. So sind viele Bachelorangebote praktisch nicht in Mindestzeit studierbar, ein Auslandsaufenthalt geht sich schon gar nicht aus. "Es ist ja absurd“, sagt Gottfried Bacher vom Wissenschaftsministerium. "Das Ziel von Bologna, die Mobilität zu steigern, ist völlig ins Gegenteil umgeschlagen.“

Kaum Anerkennung von Auslandsstudien

Auch die gegenseitige Anerkennung von Studieninhalten zwischen den Unis ist schwierig geblieben. Die Beratungszentren der ÖH sind voll mit Studierenden, die Lehrveranstaltungen von anderen Unis entweder gar nicht oder nicht im vorgesehenen Umfang angerechnet bekommen, erzählt Janine Wulz. Auch für Gottfried Bacher sind die Defizite offensichtlich. "Als wir uns überlegt haben, wie man ein Auslandsstudium anrechnen könnte, sind wir zu der schockierenden Erkenntnis gekommen: Das funktioniert ja nicht einmal innerhalb Österreichs!“ Die Barrieren sind laut Bacher vor allem in den Köpfen zu suchen. "So mancher Professor agiert nach dem Muster: Was ich nicht unterrichtet habe, das erkenne ich auch nicht an.“

Inzwischen nehmen 47 Staaten am Bologna-Prozess teil; seit der ersten Deklaration fanden regelmäßig Treffen statt, zuletzt im April dieses Jahres in Bukarest. Auch Kurskorrekturen sind zu bemerken: Janine Wulz von der ÖH hebt etwa hervor, dass in letzter Zeit die soziale Absicherung der Studierenden stärker im Fokus stehe. In Österreich vermisst sie ein klares Bekenntnis der Politik zum Bildungssektor: "Man kann nicht die Akademikerzahlen erhöhen wollen und gleichzeitig Knock-out-Prüfungen einführen - oder die Familienbeihilfe kürzen und trotzdem glauben, dass mehr Studierende ins Ausland gehen.“

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