Gedicht

Felix Philipp Ingold | aus HEUREKA 3/12 vom 20.06.2012

Dies ist das Paradies! Wo der Mehrwert abfällt von der Zahl

Wo die Einsamkeiten deutlicher (am deutlichsten)

zu hören sind. Wo jede Zeile des Sonetts mit einem Wo

beginnt. Mit Wogen von gestern und Worten von morgen.

Wo’s die Nächte ohne Jalousien machen und der Tag

das Licht vergisst. Wo Scham und Gier sich mögen.

Wo nichts nicht gerächt ist und keine Wirklichkeit

nicht eingeübt. Wo Luxus mal flackert mal zagt und

nie-nie eine Summe bringt. Wo jeder Fall Flug ist.

Wo jeder sich selbst seinen Strauch baut fürs richtige

Feuer. Wo keine Wahrheit nicht ihr eigenes Buch hat.

Wo die Völker - alle - strammstehn im Schlaf und

nicht mehr auf Erlösung warten ist das Paradies. Und

aber wer hier wem die Augen löscht bleibt offen.

Felix Philipp Ingold (geb. 1942 in Basel) arbeitet in Zürich und Romainmôtier. Für sein umfangreiches literarisches Werk und seine Übersetzertätigkeit u.a. mit dem Petrarca-Preis (1989) und dem Ernst-Jandl-Preis (2003) ausgezeichnet. "Russische Wege. Geschichte, Kultur, Weltbild“ (2005), "Faszination des Fremden. Eine andere Kulturgeschichte Russlands“ (2009), "Gegengabe“ (2009), Steinlese. Zweimal 33 Gedichte“ (2011) und "Als Gruss zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800“ (2012)

Erich Klein

Aus:

Felix Philipp Ingold: Steinlese. Zweimal 33 Gedichte onomato Verlag, Düsseldorf 2011

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