Brief aus Brüssel

Emily Walton | aus HEUREKA 4/12 vom 24.10.2012

Vor sechs Monaten trug ich meinen Mist in einen Wiener Innenhof. Ein grauer Hof auf der Hinterseite eines in Türkis gestrichenen Altbaus. Einziger Farbklecks: Der leuchtend rote Deckel der Altpapiertonne.

Ein trostloser Ort, der gegen Ende der Woche hin umso trostloser wurde, als die Mülltonnen überquollen und die Fliegen diesen Ort für sich einnahmen. (Eigentlich ging nur die Restmülltonne über. Die Biotonne blieb meist leer, außer ein Anrainer hatte gerade einen Christbaum oder seinen Ficus benjamini zerstückelt.)

Eine einzelne Mülltonne für acht Parteien war eindeutig zu wenig. Aber mehr Betriebskosten zu zahlen, um eine zweite zu finanzieren, das war den meisten Bewohnern zu viel. Also lieber schimpfen (ein Nachbar hängte einen Brief an die "vertrottelten“ Mitbewohner auf), oder Müll-Sittenpolizei spielen, so wie die Alte aus dem Erdgeschoss, die jedes Mal grantelte, wenn einer es wagte, Plastikflaschen in den Restmüll zu schummeln.

Manchmal weiß man erst, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat. Inzwischen streiten sich in Wien andere um diese Mülltonne. In Brüssel sitze ich allein auf meinem Mist. Denn: Wer hier Restmüll-, Bio- oder Altpapiertonne sucht, sucht vergeblich. Wohin also mit den Zwiebelschalen, dem Joghurtbecher, der Käseverpackung? Auf die Straße!

Ein Streifzug durch Brüsseler Wohngegenden macht deutlich: Müll am Straßenrand gehört zum Stadtbild. Weiße, blaue, gelbe Säcke zieren die Gehsteige der oft sehr grauen Stadt. (Die Mistsackerl sind übrigens vorgeschriebene, die man im Supermarkt kauft. Ich gewöhne mich noch daran, dass der gelbe Sack für Papier und nicht für Plastik gedacht ist.)

Zweimal die Woche sammelt die Müllabfuhr, die in jeder "Commune“ an einem anderen Tag kommt, den Mist ein. (In meinem Bezirk "Etterbeek“ nahe den EU-Institutionen ist es mittwochs und samstags).

Am Vorabend - und erst am Vorabend! - soll ich meine Beutel vor die Tür stellen. Zweimal habe ich dies bereits vergessen und mit dem stinkenden Müll ausgeharrt. (Ein Glück, dass viele Brüsseler Wohnungen Balkone haben.)

Meine Nachbarn sind mutiger als ich. Sie stellen den Sack einfach raus, sobald er voll ist. Ich hingegen ernähre mich neuerdings möglichst geruchsneutral - verzichte auf Fisch, der zu schnell stinkt - und frage mich, ob meine ehemaligen Nachbarn in Wien wissen, was sie an ihrem Innenhof haben.

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