Das macht die Provenienzforschung

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 4/12 vom 24.10.2012

Sie erforscht etwa die Besitzgeschichte der Mauerbach-Theatralia aus dem "Komplex Mauerbach“

Die 1996 vom Gründer des Don Juan Archivs Wien (DJA) bei der Mauerbach-Aktion erworbene, "Komplex Mauerbach“ genannte Theatralia-Sammlung umfasst 2972 Bände mit rund 4500 Theatertexten und Libretti aus den Jahren 1750 bis 1930.

Die Theaterwissenschafterin Brigitte Dalinger wurde mit der Erforschung ihrer Geschichte beauftragt. "Niemand wusste, woher sie ursprünglich stammt. Bislang ist noch nicht erforscht, was im Zweiten Weltkrieg mit den Theaterarchiven geschah“, sagt Dalinger.

Was ist das Besondere an der Sammlung? "Sie gehörte jemandem mit einem nahen Bezug zum Theater. Es sind Arbeitsexemplare dabei, Strichfassungen von Schauspielern und Zensurexemplare, mit den unterschiedlichsten Besitzvermerken.“

Ein Buch der Provenienzforscher Christina Köstner und Murray G. Hall brachte Dalinger auf eine Spur in Zusammenhang mit Hitlers geplantem Linzer Kunstmuseum. Der damalige Direktor der Nationalbibliothek, Paul Heigl, wollte aus einer anderen, für Linz bestimmten Sammlung, sieben spezielle Handschriften für "seine“ Nationalbibliothek.

Hitlers Linz-Beauftragter Hans Posse sorgte dafür, dass Heigl sie erhielt und diese Handschriften nicht via "Führervorbehalt“ nach Linz kamen. Als Gegengeschäft bot Heigl Hans Posse die besagte Theatralia-Sammlung an.

Doch woher hatte Heigl sie? Brigitte Dalinger: "Von einem Antiquar namens Engel aus Kirchberg am Wechsel.“

Dies legt den Schluss nahe, dass die Sammlung dem 1856 in Mannheim geborenen Schauspieler Otto Rub gehörte, der ab 1900 am Wiener Burgtheater engagiert war. Seine letzte Wiener Adresse in den Dreißigerjahren war im 18. Bezirk.

"Rub war kein Jude. Warum er sich 1939 nach Grimmenstein in Niederösterreich abmeldete, ist unbekannt.“ Grimmenstein liegt in der Nähe von Kirchberg.

Schon 1940 bot der Antiquar aus Kirchberg der Nationalbibliothek eine Briefsammlung von Rub an, die angekauft wurde und sich bis heute im Besitz der ÖNB befindet.

Otto Rub, der nicht nur Schauspieler, sondern auch Theaterhistoriker war, dürfte der Sammler der "Theatralia“ gewesen sein. Unklar ist, warum er sich in Niederösterreich niederließ.

"Ich bin erst kürzlich auf den Hinweis gestoßen, dass Rubs Frau Paula, geborene Gross, vielleicht jüdische Wurzeln hatte, es sich also tatsächlich um einen Verkauf unter Druck gehandelt haben könnte“, sagt Dalinger.

Der Erwerb der Sammlung geschah dennoch auf rechtlich legalem Wege. "Es hat eine gewisse Ironie“, meint Brigitte Dalinger, "dass die Versteigerung der Sammlung des, Komplex Mauerbach’ letztlich den Opfern des Holocaust zugute kam“.

Der "Mauerbach-Bestand“

Einige tausend Kunstobjekte, die im Zweiten Weltkrieg im Salzbergwerk Altaussee eingelagert und später als "herrenlos“ eingestuft wurden, kamen erst an wechselnde Orte und wurden 1969 vom Bundesdenkmalamt in der Kartause Mauerbach gelagert. Auf Druck von Simon Wiesenthal und der Medien wurden Inventarlisten in der Wiener Zeitung veröffentlicht und in den Botschaften aufgelegt. Einiges wurde restituiert, doch lag die Beweispflicht bei den Beanspruchern. 1995 wurden die Exponate an die Israelitische Kultusgemeinde übergeben, die sie 1996 zugunsten von Holocaust-Opfern versteigern ließ.

Provenienzforschung Bücher

Sie versucht die Herkunft bestimmter Objekte zu klären. Der materielle Wert von Büchern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist nicht sehr hoch. "In Restitutionsfragen wurden Bücher oft als Hausrat eingestuft“, sagt Brigitte Dalinger. Die Erforschung und Zuordnung der Bücher hänge stark vom Zufall ab.

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