Haidingers Hort der Wissenschaft

Wende macht "Hä?“

Martin Haidinger | aus HEUREKA 4/12 vom 24.10.2012

Vorsicht, es folgt das, was Autoren dann tun, wenn sie etwas aufzuarbeiten haben, keine Therapiestunden bezahlen wollen und stattdessen die Leserschaft mit ihren seelischen Entblätterungen in Geiselhaft nehmen: eine Personality-Saga! Folgend in aller Kürze die wichtigsten Energiewenden meines Lebens:

1969: Uncle Sam’s Mondfahrt. Durch den Bauchnabel der Mutter beobachtet der minus 17 Tage alte Martin H. die erste Mondlandung. Die Frage nach Energie stellt man auf der Erde kaum. Letztere säuft erst vier Jahre später in der Ölkrise ab.

1978: Nieder mit Atömchen! Die Energiewende im Hause H. setzt ein, als dem sonst so vornehmen Vater ein Fluch von den Lippen gleitet. Denn die Volksabstimmung ist gegen das fertige Kraftwerk Zwentendorf ausgegangen, und Vater H. hat im kaufmännischen Büro des Staatskonzerns ELIN ein ganzes Jahr lang auf Rechenschieberbasis an der Abrechnung für den Strahlkasten gearbeitet, der nun doch nicht in Betrieb gehen soll. Das gleicht einer persönlichen Beleidigung! Wenn Erwachsene fluchen, beeindruckt das Kinder, und so ist dem neun Jahre alten Martin H. sofort klar, dass die Gegner des Kraftwerks die Guten sein müssen!

1984: Auhirschbalz. Der 14-jährige Martin H. will mit Ruck- und Schlafsack in die Hainburger Au ziehen. Die Eltern untersagen es: zu jung, zu grün (hinter den Ohren). Kompromiss: Martin geht im Fasching als Aubesetzer verkleidet.

1990er Jahre: Fossiles. Martin H. erfährt als kleiner Wissenschaftsjournalist erstmals aussagekräftige Details über zur Neige gehende fossile Rohstoffe und fragt sich, warum er seinerzeit gegen das Wasserkraftwerk demonstrieren wollte.

2012: Hä?! Martin H. entfacht maximal ein Lämpchen pro Raum und Tag, löst mülltrennend jedes Papiernöppchen von Kunststoffgebinden, tankt nur jedes vierte statt jedes zweite Mal, atmet schon seit Jahren tabakinhaltsstoffbefreites CO2 aus, schmutzt nicht auf öffentlichen Plätzen, weicht als Fußgänger brav jedem Drahtesel aus, der seinen Körper zu durchqueren droht, und verfällt in mildes Pflichtschmunzeln, wenn er Geschichten vom Dienstauto der Vizebürgermeisterin hört, das angeblich vor Presseterminen gegen das Fahrradl ausgewechselt wird. Martin H. macht also alles richtig. Auch die Wendepolitik ist ursuper! Das Parkpickerl und die zeitweiligen Rasenflächen am Ring machen besonders den nicht in BoBo-Jobs tätigen Hacklern eine Riesenfreude, und die reduzierten Sitzplätze in der Straßenbahn werden die Energien von Senioren und Fußmaroden so richtig wenden. Bleibt nur eine Frage: Warum begreift Martin H. jetzt weniger als je zuvor …?

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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