Energiewende - oder was?

Werner Sturmberger | aus HEUREKA 4/12 vom 24.10.2012

Der Begriff stammt aus einem 1980 veröffentlichten Bericht des Instituts für angewandte Ökologie in Freiburg. Was aber ist nun mit der Energiewende?

Glaubt man dem Mythos, ist es Prometheus, der den Umgang der Menschen mit Energie maßgeblich verändert hat. Er erstreitet für sie das Feuer, lehrt sie aber auch Ackerbau und Viehzucht - und sorgt damit für die beiden ersten großen Zäsuren in der Geschichte der menschlichen Energienutzung.

Während die Menschen als Jäger und Sammler nur passiv die Energieflüsse ihrer Umwelt nutzen können, gehen sie in der Agrargesellschaft dazu über, diese aktiv zu gestalten. Man spricht von einem "kontrollierten Solarenergiesystem“, in dem die Menschen die Reproduktion der Nahrung, vor allem die Photosynthese der Pflanzen und anderer Ressourcen gezielt zu steuern versuchen. Es wird möglich, auf einer begrenzten Fläche einen größeren Teil der Produktivität für die eigene Ernährung zu verwenden. Der Energiedurchsatz pro Kopf der Agrargesellschaften macht bereits ein Vielfaches von jenem der Jäger- und-Sammler-Kulturen aus. Sie schöpfen gezielt für sich und ihre Nutztiere Energie aus agrarischen und nicht mehr natürlichen Ökosystemen - sie ernten. Dabei müssen sie zwangsweise nachhaltig sein, also ein Gleichgewicht zwischen der Größe der Bevölkerung, der zu deren Ernährung benötigten Agrarflächen und der zur Bewirtschaftung nötigen Arbeitskraft finden.

Energiewende in Afrika

Mit der Nutzung fossiler Energieträger geht die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer solchen Balance und mit ihr die des nachhaltigen Wirtschaftens schrittweise verloren. "Die Energiewende hin zu fossilen Energieträgern beginnt im England des 17. Jahrhunderts und findet in weiten Teilen Afrikas erst jetzt statt. Die Verwendung fossiler Energien in nennenswerten Größen ist dort in vielen Staaten noch am Anfang“, erklärt Marina Fischer-Kowalski, Sozialökologin an der Universität Klagenfurt.

Die Auswirkungen dieser Wende illus-triert sie am Beispiel Englands: "Mithilfe der Kohle konnte etwa England sein Energievolumen binnen weniger Jahrzehnte vervielfachen, obwohl es noch keine Dampfmaschinen oder eine große Industrie gab.“

Dieses neue, fossile Energiesystem ist aber kein Ersatz für das bestehende, auf Biomasse basierende - es setzt darauf auf. Die Steigerung des fossilen Energieeinsatzes geht mit einer stärkeren Nutzung von Biomasse einher. Durch den Einsatz fossiler Energieträger kann die Produktivität von Agrarökosystemen massiv gesteigert werden. Industriegesellschaften, die viel weniger Brennholz als Agrargesellschaften verbrauchen, weisen im Bereich der Biomasse einen ähnlich hohen Energiedurchsatz auf. Da sie zusätzlich noch fossile Energie nutzen, ist ihr Energiedurchsatz pro Kopf gut dreimal so hoch wie der von Agrargesellschaften.

Global betrachtet, hielten sich die Energieflüsse von Biomasse und fossiler Energie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die Waage - der weltweite gesellschaftliche Stoffwechsel hat heute ein viermal so hohes jährliches Volumen erreicht und wird von fossiler Energie dominiert.

Fossile Energie und Revolution

Die Industrialisierung greift in den gesamten gesellschaftlichen Stoffwechsel ein. "Ich konnte anhand von 15 Ländern zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten zeigen, dass die meisten bürgerlichen Revolutionen immer dann stattfanden, wenn der Anteil fossiler Energie am Primärenergiebedarf einen Anteil von fünf bis sieben Prozent erreicht hatte“, sagt Fischer-Kowalski. Sie illustriert dies so: "In England war das etwa 1640, in China und Indien erst 1949 der Fall. Bei der Französischen Revolution lag man bei vier und 1848 in Österreich bei sechs Prozent.“

In Ländern, in denen Revolutionen stattfanden, hat sich die Anwendung fossiler Energie rasant verbreitet. Dort, wo es keine Revolution gab, wie in Italien oder den Niederlanden, war der Übergang zum fossilenergetischen Regime langsamer.

Sieg des Bürgertums über den Adel

Wenn sich die Befeuerung der sozialen Konflikte und der Kohlekessel gegenseitig verstärkten, war es den etablierten Kräften der Aristokratie kaum möglich, diesen Konflikt zu ersticken. Der Siegeszug des Bürgertums ging Hand in Hand mit jenem fossiler Energie.

"Der Aristokratie mit ihrem Grundbesitz entstand eine bedrohliche Konkurrenz durch die bürgerlichen Kapitalbesitzer. Plötzlich gab es einen gesellschaftlichen Reichtum, der nicht mehr auf der aristokratischen Abschöpfung der Bauernarbeit beruhte“, erklärt Fischer-Kowalski.

Den Grundlagen dieses neuen gesellschaftlichen Reichtums sind aber von jeher Grenzen gesetzt. Auf der Inputseite erschöpfen sich die fossilen Energievorkommen, auf der Outputseite die Fähigkeit der Umwelt, Abfälle und Emissionen aufzunehmen. An exakt dieser Stelle befinden wir uns am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Übergang zu neuer Energienutzung

"Meinem Eindruck nach sind wir an einem Takeoff-Punkt, wo der Umstieg auf erneuerbare Energieträger eine vielleicht sogar unerwartet starke Beschleunigung erfahren wird. Die Preise fossiler Energieträger und aller anderen Naturressourcen haben sich in den letzten zehn Jahren vervielfacht - das schafft neue Rahmenbedingungen“, sagt Fischer-Kowalski. Auch Reinhard Haas, Energieökonom an der TU Wien und Leiter des Studiengangs "Erneuerbare Energie in Mittel- und Osteuropa“, hält fest: "Wir befinden uns in dieser Transformation. Das ist eine kontinuierliche Entwicklung, vor allem in Europa. Der Anteil der erneuerbaren Energieträger ohne Wasserkraft ist EU-weit zwischen 1997 und 2010 von einem auf neun Prozent gestiegen.“

Gleichzeitig weist er auf eine gegenläufige Tendenz in Österreich hin: "Es hatte bereits sehr früh hohe Anteile an Wasserkraft - auch eine erneuerbare Energiequelle. 1990 lag ihr Anteil an der Stromerzeugung bei siebzig Prozent. Im Moment haben wir einen relativ konstanten Anteil von 65 Prozent.“

Es wird nicht mehr Energie geben

"Der Unterschied zur fossilen Energiewende ist, dass die aktuelle Energiewende keine Vermehrung der gesellschaftlich verfügbaren Energie verspricht“, erklärt Fischer-Kowalski. "Die reichen Industrieländer haben seit der ersten Ölkrise in den frühen Siebzigerjahren ein ziemlich stagnierendes Energieverbrauchsniveau. Man kann mit der ersten Ölkrise eine massive Abflachung der Energieverbrauchskurve feststellen. Wir haben aber eine Umschichtung in Richtung Elektrizität und erneuerbare Energien. Die großen Weltmodelle, die den künftigen Weltverbrauch simulieren, wie zum Beispiel das Global Energy Assessment, gehen von einer Abnahme des Primärenergiebedarfs in den Industrieländern aus.“

Mehr Gaskraftwerke in Europa

Bei der Verbrennung von Kohle und Gas zur Stromerzeugung fällt Abwärme an. Nicht so bei den Energiequellen Wind, Wasser und Sonne. Damit kann die verfügbare Nutz-energie stabil bleiben, während der Aufwand an Primärenergie sinkt.

"Anders als fossile Energie müssen Wind, Wasser und Sonnenlicht nicht erst abgebaut werden, was sich positiv in den Betriebskosten niederschlägt. Photovoltaik-Anlagen liefern während ihrer Lebensdauer in etwa das 25-fache der Energie, die ihre Herstellung verursacht. Bei Windenergie liegt dieser Wert sogar zwischen einem Faktor von fünfzig bis hundert, was einer Amortisierungsdauer von knapp einem Monat entspricht“, erklärt Reinhard Haas.

Die künftige Entwicklung schildert er so: "Im Strombereich wird es keine dramatischen Veränderungen geben - der Stromverbrauch wird weiterhin steigen. Wir werden mehr Strom aus erneuerbarer Energie haben, aber das ist limitiert, da ich nicht zu jeder Zeit rund um die Uhr Photovoltaik und Windstrom habe. Im europäischen Raum wird daher längerfristig die Notwendigkeit bestehen, Gaskraftwerke zu betreiben, um Ausfälle bei erneuerbaren Energien kurzfristig zu ersetzen.“

Raus aus der Stadt - und die Folgen

Größere Veränderungen erwartet sich Haas im Bereich der Mobilität. Durch Größe und Gewicht der Autos wurde wesentlich mehr an zusätzlicher Energie verbraucht, als man durch Effizienzsteigerungen einsparen konnte.

"Menschen, die aus der Stadt in die Vororte gezogen sind, geraten durch die steigenden Energiepreise in eine unangenehme Position“, erklärt Hermann Knoflacher, Verkehrsplaner an der TU Wien. Die Zerschlagung kleinräumlicher Strukturen habe zu einem Anwachsen der Wegstrecken und zu einer Mehrnutzung von Autos geführt.

Erschwerend kommt hinzu, dass beim Auto erneuerbare Energieträger so gut wie keine Rolle spielen. Eine zehnprozentige Beimischung von Agrartreibstoffen wäre nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. "Und so illusorisch wie wenig nachhaltig“, erklärt die Politikwissenschafterin Alina Brad: "Um das Beimischungsziel von zehn Prozent zu realisieren, würde man auf dem gegenwärtigen Level des Verbrauchs fossiler Energieträger ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen Europas benötigen.“

Treibstoff aus Pflanzen - Unsinn

Verlagert man die Agrartreibstoffproduktion in die Länder des Südens, verdrängt sie entweder den Nahrungsmittelanbau oder führt zur Rodung von Wäldern oder Trockenlegung von Mooren, was eine enorme Kohlendioxidfreisetzung bewirkt. Beim Anbau kommen Dünge- und Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, die wie die Weiterverarbeitung der Pflanzen fossile Energieträger benötigen. Die Länder des Südens tragen mit der Ausbeutung ihrer Ökosysteme noch stärker zur Aufrechterhaltung oder Schaffung eines fossilen Lebensstils in den Industrieländern bei und geraten vermehrt in deren Abhängigkeit.

"Pflanzen, die als Nahrung dienen, für die Produktion von Treibstoff zu benutzen, kann nicht nachhaltig sein. Ich denke, in fünf bis zehn Jahren werden die Agrartreibstoffe, die wir heute kennen, in Europa nicht mehr subventioniert und daher keine Relevanz mehr haben. Der Trend der Biomasseverflüssigung geht in Richtung Algen, Stroh und Abfallstoffe, die sogenannten Biotreibstoffe der zweiten Generation“, sagt Alina Brad.

Nicht viel besser ist es um unsere Chancen bestellt, das gegenwärtige Niveau individueller Mobilität mit Elektrizität zu bestreiten. Elektroautos leiden nicht nur unter ihren finanziellen und ressourcenintensiven Herstellungskosten, sondern vor allem an ihrer zahlenmäßigen Bedeutungslosigkeit: "Wir hatten letztes Jahr ungefähr 350.000 Fahrzeugneuzulassungen, in etwa 600 davon waren Elektroautos. Bis 2020 werden wir vielleicht ein Prozent der Neuzulassungen erreichen“, sagt Reinhard Haas.

Strukturwandel beim Verkehr

Als gangbaren Weg, den Energieverbrauch im Bereich Mobilität zu reduzieren, beschreiben Reinhard Haas und Hermann Knoflacher die innerstädtische Verringerung von Parkplätzen und den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel. Zentrales Moment dabei sind aber die Spritpreise. Dass diese stetig steigen werden, gilt den beiden als unausweichlich. Dass hohe Treibstoffpreise ein wirksames Mittel sind, um den Individualverkehr einzudämmen, haben die beiden Ölpreiskrisen bewiesen.

Reinhard Haas hält dabei folgendes Szenario für sehr wahrscheinlich: "Im Verkehrsbereich wird es in dem Moment einen Strukturwandel geben, da Diesel und Benzin so teuer sind, dass es weh tut. Das heißt nicht einmal, dass sich die Effekte der Globalisierung so besonders stark abschwächen werden, sondern einfach nur, dass nicht notwendiger Transport vermieden wird.“ Die Frage ist, ob man diese Preissteigerung aktiv und politisch herbeiführt oder passiv vom Markt diktieren lässt.

Energiesparen im Wohnbereich

Im Bereich des Wohnens und Heizens stagniert der Energiebedarf trotz steigender Wohnflächen pro Kopf. Es gibt aber auch hier noch viel brachliegendes Einsparungspotenzial, etwa durch Wärmedämmung und energieeffiziente Baumaterialien. Anna Heringer ist Architektin an der TU Wien und beschäftigt sich mit Lehm. Ungebrannt weist er eine hervorragende Energiebilanz auf und ist praktisch endlos recyclingfähig - zum Vergleich: Stahlbeton ist nur mit hohem Qualitätsverlust recyclingfähig und in seiner Herstellung äußert energieintensiv.

Bei ihrer Arbeit hält sie sich an folgende Formel: "Lokale Ressourcen, also Wissen, Materialen und Handwerker so gut wie möglich in Verbindung mit modernen technischen Errungenschaften nutzen. Ich versuche immer, auf eine gute Balance von Low- und High-Tech zu achten. Das Ganze muss natürlich durch einen guten Entwurf veredelt werden, um so für Akzeptanz bei den Menschen zu sorgen.“

Lehmhäuser mit Solaranlagen

Dieses Konzept verfolgt sie dabei nicht nur hierzulande: In Bangladesch hat sie Lehmhäuser mit Solaranlagen ausgestattet. Das ist günstiger, als ein Stromnetz anzulegen. Auch Marina Fischer-Kowalski berichtet davon, dass erneuerbare Energien in ärmeren Gebieten, wie in indischen Bergdörfern nahe Nepal, auf hohe Akzeptanz stoßen. Dort bieten sie nicht nur eine vergleichsweise stabile, dezentrale Energieversorgung, sondern auch Berufsmöglichkeiten: "Hätten die Kinder eine Ausbildung mit Zukunft, würden viele indische Frauen mit Freude weniger Kinder bekommen. Die Familien könnten es sich ja nur dann leisten, Kinder in die Schule zu schicken, wenn sie weniger Kinder bekommen. Diese Verlangsamung des demografischen Wachstums ist natürlich für die Nachhaltigkeitsfrage essenziell.“

Wir sind komplett Banana

Hierzulande scheitern Projekte nicht nur an finanziellen oder politischen Barrieren, sondern auch am Widerstand der Anrainer, wie Reinhard Haas ausführt: "Build Absolutely Nothing Anywhere Near Anybody - BANANA. Es gibt massiven Widerstand gegen Trassen für Leitungen, um die Netze fit für erneuerbare Energien zu machen, aber auch der Widerstand gegen Windkraftanlagen nimmt zu.“

Kein gutes Zeichen, denn die Energiewende im gegenwärtigen Tempo wird nicht ausreichen, um den Klimawandel zu bremsen. "Diese Prozesse geschehen, aber nicht in einem Tempo, das es erlauben würde, unser Klima zu stabilisieren. Das bedeutet, dass wir, abgesehen von erheblichen Knappheitsproblemen, auch vermehrt mit Katas-trophen konfrontiert sein werden“, fasst Marina Fischer-Kowalski die gegenwärtige Entwicklung zusammen.

Wir müssen unser Leben ändern

Die Begrenzung der Klimaerwärmung auf unter zwei Grad, was laut dem internationalen Klimabeirat IPCC notwendig ist, um Katastrophen zu vermeiden, kann nur gelingen, wenn der Verbrauch der Industrieländer sinkt. Jener der sogenannten Emerging Economies steigt jedoch noch drastisch an. Dort beginnen sich jene Konsummuster auszubreiten, die hier allmählich abklingen: motorisierter Individualverkehr, massive Bautätigkeit und hoher Fleischkonsum.

Steigender Verbrauch bedeutet aber auch steigende Nachfrage nach fossilen Energieträgern und vermehrte Konkurrenz im Zugang zu diesen. Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass dies bewaffnete Konflikte nicht ausschließt.

Für Alina Brad hat die Diskussion um die Energiewende daher ein großes Defizit: "Man geht immer davon aus, dass wir mehr Energie brauchen und daher mehr Energie heranschaffen müssen. Die Veränderung des Lebensstils, um weniger Energie zu verbrauchen, wird dagegen kaum debattiert.“ Eine Debatte, die ohne Diskussion des Wachstumsimperativs nicht zu haben sein wird. Ob sich Politik oder Wirtschaft daran wagen?

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