Die Energiewende sind wir alle, oder nicht?

Jochen Stadler | aus HEUREKA 4/12 vom 24.10.2012

Der Schwund an Ressourcen wird keine Energiewende bringen, meinen Experten. Nur politische und gesellschaftliche Entscheidungen können sie herbeiführen

Werden die fossilen Brennstoffe knapp, beginnen die Menschen darum zu kämpfen“, ist der amerikanische Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin überzeugt. Daher hält er die Energiekrise für gefährlicher als die Klimakrise. Nebenbei habe er eine "verrückte Freude“ daran, auf die Unbedenklichkeit von CO2 hinzuweisen. Eine Einschätzung, die österreichische Experten nicht teilen.

Laughlin wurde 1998 für seine Forschung in der Quantenphysik mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Nun hat sich der US-Forscher wirtschaftlichen und politischen Fragen gewidmet. Seine umfangreiche und mit vielen Daten gefütterte Analyse und mögliche Zukunftsszenarien beschreibt er in seinem Buch "Der Letzte macht das Licht aus: Die Zukunft der Energie“.

CO2 in der Atmosphäre?

Das ist doch praktisch egal!

Der US-Forscher zeigt sich im Interview weniger besorgt über CO2-Ausstoß und Klimawandel als die Verknappung fossiler Brennstoffe: "Ich sorge mich auch um die Umwelt. Aber ich denke, dass die Energiekrise uns früher erreichen wird als die Klimakrise.“ Für Laughlin geht es in der Klima-Energie-Diskussion daher weniger darum, die Erde zu retten, als darum, seine Urenkel vor einem Krieg zu bewahren.

Den CO2-Ausstoß zu bremsen, rette die Erde ohnehin nicht, so seine Prognose. Selbst eine weltweite CO2-Reduktion würde die Probleme bloß verzögern: "Wenn wir den CO2-Ausstoß um 20 Prozent vermindern, wird es einfach 20 Prozent länger dauern, bis alles Erdöl verbrannt und die gleiche Menge CO2 in die Atmosphäre ausgestoßen ist“, erklärt er. In der Zeitrechnung der Erde bedeute das gar nichts. Gelegentlich mache es ihm auch Freude, darauf hinzuweisen, "dass CO2 eigentlich das einzige Abfallprodukt der Menschheit ist, das nicht giftig ist“.

CO2 in der Atmosphäre?

Gar nicht egal, sondern giftig!

Dies kann Arnulf Grübler vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien ganz und gar nicht nachvollziehen: "Ich bin über CO2 in der Atmosphäre extrem besorgt.“ CO2 sei keinesfalls ungiftig - und zu hohe Konzentrationen könnten töten, "wie jeder Weinbauer weiß“. Das Ausmaß und der Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre seien derart hoch und erfolgen so rasch, dass es in der Erdgeschichte dazu keine Parallelen gibt.

Die Idee, dass die Knappheit fossiler Ressourcen dem CO2-Anstieg in Zukunft eine natürliche Grenze setzt, findet er absurd. "Das Problem an den fossilen Ressourcen ist ja, dass sie in überreichem Ausmaß vorhanden sind, gemessen an der Fähigkeit der Atmosphäre, Schadstoffe wie CO2 aufzunehmen.“ Die Atmosphäre enthält gegenwärtig rund 800 Milliarden Tonnen Kohlenstoff als CO2, was bereits eine globale Erwärmung verursacht, erklärt Grübler. Wolle man diese unter zwei Grad Celsius halten, dürfen nicht mehr als 1000 Milliarden Tonnen über die nächsten 100 Jahre in die Atmosphäre gelangen.

"Die jederzeit verfügbaren fossilen Energiereserven entsprechen derzeit jedoch rund 2000 Milliarden Tonnen. Das gesamte geologische Reservoir fossiler Energie beträgt bis zu 30.000 Millarden Tonnen“, so Grübler. Auch wenn davon nur ein Bruchteil jemals gewinnbar sein wird, wären die Mengen an CO2, die potenziell freigesetzt werden könnten, derart enorm, "dass wir uns mögliche Klimaauswirkungen gar nicht vorstellen können“.

Genügende fossile Ressourcen für einen enormen Klimawandel

Helmut Haberl vom Wiener Institut für Soziale Ökologie der Alpen-Adria-Uni ist überzeugt, dass in der Erdkruste genug fossiles Material lagert, um einen ungemütlichen Klimawandel auszulösen. Seiner Einschätzung nach "ist die Aufnahmekapazität der Atmosphäre für die Verbrennungsprodukte eine viel drastischere Grenze als die Verfügbarkeit von Brennmaterial“.

Konventionelle Quellen, also leicht förderbares Erdöl und Erdgas, würden zwar knapp, aber neben Kohle seien unkonventionelles Öl und Gas reichlich vorhanden, etwa Teersande, Ölschiefer und riesige Lagerstätten von Methanhydrat (Methan, das in erstarrtem Wasser gebunden ist), welches am Ozeanboden unter hohem Druck und niedrigen Temperaturen zu finden ist. "Diese Quellen sind aber nicht nur wegen der Klimaerwärmung problematisch“, erklärt Haberl. "Es ist auch nicht besonders energieeffizient, sie zu gewinnen.“ Auch wären mögliche Auswirkungen auf die Umwelt zu bedenken.

Der Selbstvermehrungszwang des materiellen Besitzes

Statt jede mögliche Energiequelle auszubeuten, solle man vielleicht besser überlegen, ob man das derzeitige Wachstum überhaupt aufrechterhalten kann: "Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig darüber nachzudenken, welche Lebens- und Wohlstandsmodelle es jenseits der quantitativen Vermehrung von Produkten aller Art geben kann.“ Es würde oft unterschätzt, welchen Selbstvermehrungszwang die Anhäufung von materiellem Besitz erzeugt.

Infrastrukturentscheidungen beeinflussen Millionen

"Wenn man etwa Infrastrukturen baut, auf denen man Auto fahren kann, dann werden die Leute auch mehr Auto fahren. Das bringt einen Zwang, mehr Infrastrukturen dafür zu bauen“, erklärte Haberl. Er glaubt nicht, dass ein Appell an das schlechte Gewissen und "du musst, du sollst“-Strategien die Probleme lösen können. Die öffentliche Hand könne die Richtung etwa durch ihre Ausgaben und die Infrastrukturpolitik vorgeben. "Ob man Flughäfen und Autobahnen baut oder Bahnlinien und den öffentlichen Nahverkehr fördert und wie man die Tarife gestaltet, sind zentrale Fragen“, meint Haberl. Denn von diesen Infrastrukturentscheidungen hingen die Entscheidungen von Millionen von Konsumenten ab. "Es macht einen riesigen Unterschied, ob man so wohnt, dass man zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den Öffis einkaufen und zur Arbeit fahren kann, oder ob man nur mehr mit einem Auto existieren kann.“

Können Regierungen die Wirtschaft kontrollieren?

Haberl sieht jedoch schon Veränderungen: "Ich habe den Eindruck, dass die Einführung eines anderen Tarifsystems in Wien in Verbindung mit den hohen Spritpreisen einiges bewirkt hat. Schon allein, dass man in den Medien liest, dass aus einigen Straßenbahnen die Sitze herausgeschraubt werden, nur damit die Leute überhaupt hineinpassen, ist für mich eine gewisse Evidenz, dass sich da durchaus etwas tut“, sagt er.

Laughlin sieht in Europa aber eher leere Züge und Staus auf der Autobahn: "Als ich ein Kind war, prahlten die Leute in Europa, dass sie diese dreckigen Autos nicht bräuchten, denn sie hätten ein zivilisierteres, besser funktionierendes Eisenbahnnetz. Das Eisenbahnnetz war auch nicht schlecht. Aber die Leute wollten trotzdem alle ein Auto haben. Vor Kurzem war ich am Bodensee. Die Autobahnen, die ich dort sah, waren voll und die Züge fast leer.“ Daraus habe er gelernt, dass es wirtschaftliche Kräfte gebe, die selbst die besten Regierungen nicht ganz kontrollieren könnten, meint Laughlin.

Grübler nimmt Gesellschaft und Politik in die Pflicht: "Eine Energiewende in Richtung effizienterer Energienutzung und weniger Abhängigkeit von fossiler Energie ist eine politische und soziale Entscheidung und muss, wenn sie erfolgreich sein soll, freiwillig erfolgen“, erklärt er. Der notwendige Zeitpunkt sei jetzt. "Wenn Klimaveränderungen so große Auswirkungen haben, dass sie einen Energieumstieg quasi erzwingen, ist es ohnehin schon zu spät, eine Energiewende einzuleiten.“

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