Ein katastrophales Angebot

Stephan Wabl | aus HEUREKA 4/12 vom 24.10.2012

So nennt Wilfried Eichelseder, Präsident von TU Austria, das erste Budgetangebot des Ministeriums an die TU Wien für die Jahre 2013 bis 2015

Informatik gilt als klassisches Zukunftsfach: gute Studienbedingungen und Jobchancen. An der TU Wien kann die Zukunft jedoch nach vier Wochen bereits vorbei sein. Heuer eingeführte Eingangsprüfungen entscheiden darüber, wer Kurse besuchen darf - und wer nicht. Der nächste Schritt sind österreichweite Zugangsregeln.

Der Frust des Anfängers

Lukas Pfeifhofer ist für Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle ein Grund zur Freude. Seit drei Wochen studiert der 19-Jährige Informatik an der TU Wien, eines jener Fächer, für die Töchterle im Rahmen seiner MINT-Initiative (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) wirbt.

Die Freude bleibt aber einseitig, denn Pfeifhofer würde am liebsten das Handtuch werfen. "Ich muss mich auf alles gleichzeitig konzentrieren. Das wird langsam zu viel“, schimpft der Kärntner, legt sein Smartphone auf den Kantinentisch und fügt hinzu: "Eigentlich hab’ ich keine Lust mehr.“

Der Grund: Seit diesem Wintersemester gibt es nach vier Wochen Prüfungen in sechs Lehrveranstaltungen des ersten Semesters, und nur die besten 375 kommen weiter. Der Rest der rund 900 Neulinge kommt auf eine Warteliste oder muss es im Sommersemester noch einmal versuchen - vorausgesetzt, es gibt genügende Kapazitäten.

Die Angst des Dekans

"Wir sind an den Grenzen unserer Möglichkeiten“, rechtfertigt der Dekan der Fakultät für Informatik, Gerald Steinhardt, diesen Schritt. "Wir haben Ressourcen für 420 neue Plätze. Liegen wir darüber, können wir keine qualitative Ausbildung mehr anbieten“, beschreibt er die Situation.

An sieben heimischen Universitäten wird Informatik angeboten, doch das Studium an der TU Wien ist österreichweit das einzige, das zugleich MINT-Fach und Massenstudium ist. Im Wintersemester 2011/2012 waren 52 Professoren für 7000 Studierende zuständig, das ist mehr als die Hälfte aller inskribierten Informatiker an Österreichs Hochschulen. An der Universität Klagenfurt kümmerten sich im gleichen Zeitraum zehn Professoren um 500 Informatik-Studierende.

SOS von der TU Wien-Informatik

Das paradoxe Problem: Die Fakultät an der TU Wien hat einen zu guten Ruf. Im nationalen Vergleich liegt sie an der Spitze, im deutschsprachigen Raum unter den sechs Besten. Der Unterschied: Top-Institute wie die ETH Zürich und die TU München haben nur rund 1000 beziehungsweise 2000 Nachwuchs-Informatiker - und zwei- bis dreimal mehr Geld.

Dekan Steinhardt fordert daher von Töchterle eine SOS-Initiative für seine Fakultät: "Wir brauchen eine Aufstockung des Lehrpersonals um mindestens 50 Prozent. Sonst werden die Ausbildung, die Spitzenforschung und der Wirtschaftsstandort Österreich leiden.“ Das Wissenschaftsministerium verweist auf zusätzliche drei Millionen Euro, die letztes Jahr an die Fakultät geflossen sind. Damit seien, so Steinhardt, neben der Renovierung eines Hörsaales und Laborerneuerungen zwölf Assistentenstellen eingerichtet worden, befristet auf ein Jahr: "Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Derzeit wird zwischen Ministerium und TU Wien das Budget für die Jahre 2013 bis 2015 verhandelt. Ob Steinhardt sein SOS-Signal am Ende der Gespräche einstellen kann, ist unwahrscheinlich. Wilfried Eichelseder, Präsident der TU Austria (TU Wien, TU Graz, Montanuniversität Leoben), bezeichnete das erste Angebot des Ministeriums als katastrophal. Zu groß scheint die Lücke zwischen fehlenden Kapazitäten und neuen Mitteln zu sein.

Studierende fallen in die Lücke

Beim Sprung über diese Lücke dürften in erster Linie die Studierenden stürzen. "Die Lösung mit den Prüfungen bedeutet großen Druck gleich zu Beginn und wird sicher einige Erstsemestrige zurückwerfen. Der Schritt zum Studienabbruch ist dann nicht mehr weit“, kritisiert Kristina Weinberger von der Fachschaft Informatik. Auch Gernot Salzer, Professor für theoretische Informatik, schließt das nicht aus: "Manche brauchen länger, um sich an die Universität zu gewöhnen. Die nun beschlossenen Prüfungen garantieren sicher nicht, dass tatsächlich nur die Besten weiterkommen.“

Unter den aktuellen Bedingungen sei dieses Modell jedoch das fairste. Am liebsten wäre es Salzer, der auch Mitglied der Studienkommission ist, wenn alle Studierenden die Möglichkeit hätten, die auf ein Semester angelegte Studieneingangs- und Orientierungsphase (STEOP) ohne Anfangshürde zu absolvieren. Am Ende dieser Eingewöhnungszeit hätte die Fakultät eine bessere Einschätzung darüber, wer für das Studium qualifiziert sei. "Aber diese Zeit können wir uns im Moment nicht leisten“, erklärt Salzer.

Für Fachschaftsvertreterin Weinberger gäbe es Alternativen, um allen Studierenden die Teilnahme an den von Eingangsprüfungen betroffenen Kursen zu ermöglichen. Zum Beispiel das E-Learning-System Coursera. Ein Vorschlag, der für Professor Helmut Veith in die falsche Richtung geht. "Der persönliche Austausch mit den Lehrenden und Kommilitonen ist ein Grundpfeiler eines qualitätsvollen Studiums. Gerade wegen dieser Qualität wollen so viele Studierende zu uns“, sagt Veith, der am Institut für Informationssysteme lehrt.

Die Lösung des Informatik-Stars

Veith, Leiter des Vienna Center for Logic and Algorithms, stellt sich ohnedies vorrangig die Frage, wie sich der Studierendenstrom langfristig steuern lässt - und schließt Aufnahmeprüfungen wie in der Medizin nicht aus. Sollten die Zustände nicht besser werden, könne er sich ein System aus schriftlichem Test und Interview vorstellen. "Das beste Drittel nehmen wir, das schlechteste nicht. Und mit dem Drittel in der Mitte führen wir ein Gespräch“, skizziert Veith seine Vorstellung.

Eine Möglichkeit, zu der sich Dekan Steinhardt nicht äußern will: "Über ungelegte Eier rede ich nicht.“ Zunächst gehe es darum, von der Politik Vorgaben zu bekommen, wie viele Informatiker ausgebildet werden sollen. Als zweiten Schritt bräuchte die Fakultät die nötigen Mittel dafür. "Erst wenn sich diese beiden Vorgaben nicht decken sollten, können wir darüber reden, wie wir die vorhandenen Kapazitäten verteilen.“ Ein Szenario, das für Studierendenvertreterin Weinberger in eine Sackgasse führt: "Niemand kann sagen, wie viele Informatiker in zehn Jahren gebraucht werden.“

Statt TU Wien ab nach Klagenfurt?

Gewiss scheint hingegen, dass es ab dem Wintersemester 2013/14 Zugangsregeln für das Fach Informatik in Österreich geben wird. Die beiden Regierungspartner SPÖ und ÖVP verhandeln derzeit die Details. Kolportiert werden neben einer Aufstockung des Lehrpersonals punktuelle Aufnahmeverfahren sowie eine regionale Verteilung der Studierenden. Bekommt man demnach an der TU Wien keinen Studienplatz mehr, könnte man nach Klagenfurt, Innsbruck oder Linz ausweichen.

Für Lukas Pfeifhofer ist das momentan kein Thema. Der junge Kärntner will auch noch nach den Eingangsprüfungen an der TU Wien Informatik studieren. "Es wird stressig, und ich bin nicht sicher, ob ich alle Prüfungen schaffe. Aber ich bleibe auf alle Fälle dabei“, sagt Pfeifhofer und huscht in die Bibliothek. Dort ist ihm zumindest ein Platz sicher. Eine Studienkollegin hat für ihn reserviert.

Plätze in der STEOP, Wintersemester 2012/2013

Die STEOP dient wie an allen anderen Universitäten ohne offizielle Zugangsbeschränkung auch an der TU Wien als Orientierungsphase und soll innerhalb eines Semester absolviert werden können. Für das Informatik-Studium an der TU Wien sind in dieser Phase Kurse im Ausmaß von 30 ECTS-Punkten zu belegen, erst dann dürfen Lehrveranstaltungen aus höheren Semestern besucht werden. Die Plätze in der STEOP sind seit dem Wintersemester 2012/2013 allerdings auf maximal 375 begrenzt. Von den Eingangsprüfungen betroffen sind: Grundlagen der Programmkonstruktion; Programmierpraxis; Technische Grundlagen der Informatik; Formale Modellierung; Datenmodellierung, Grundlagen digitaler Systeme.

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