Was am Ende bleibt

Jumping from Austria

Erich Klein | aus HEUREKA 4/12 vom 24.10.2012

Ein Paradigmenwechsel beherrscht die Welt seit den Sechzigerjahren, als der Club Of Rome die Begrenztheit unserer Ressourcen deklarierte und zur Wende aufrief. Die Futurologen wurden nicht beachtet oder verhöhnt. Die Raumfahrt, Inbegriff von technizistischem Fortschrittsglauben und Produkt des Kalten Krieges mit aberwitzigen Szenarien für den Weltuntergang, wurde auf paradoxe Weise zum Urerlebnis.

Mit dem Blick aus dem All auf den "blauen Planeten“ wurde die Fragilität der Erde weltweit bewusst - die Ökologen verweisen auf unmittelbarer Evidenz. Neil Armstrongs Wort "Ein kleiner Schritt für einen Mann, ein großer Schritt für die ganze Menschheit“ wird noch immer zitiert, auch wenn alle wissen, dass sich mit der Verwirklichung eines Menschheitstraumes in der Welt nichts verändert hat.

Der misanthropische Zivilisationskritiker Ernst Jünger wandte sich in jenen Jahren den kleinen Dingen zu und wetterte gegen eine verschwenderische Konsumgesellschaft, deren Spuren - Coca-Cola-Dosen und Zigarettenstummel - mittlerweile auch im Urwald und in der Sahara zu finden seien. Dass dies auch auf dem Mond bald der Fall wäre, stand nicht zu befürchten.

Seit dem Sprung von Felix Baumgartner aus neununddreißig Kilometern Höhe ist das nicht mehr so sicher. Nahm der alte Traum vom Fliegen den Kalten Krieg ganzer Welten und Systeme in Kauf, wurde mit "Stratos“ der Sprung in den Kosmos als freier Fall zur Erde mit Überschallgeschwindigkeit erfolgreich zur Werbemaßnahme privatisiert. Der Coup, der Hightech-Aufwand, "wissenschaftliche“ Erkenntnis, Volksaufklärung und Belustigung verknüpfte, nötigt Respekt ab. Das persönliche Risiko des Base-Jumpers sowieso.

Gut postmodern war alles da: Ein bedeutungsschwangeres "I am coming home now“ vor dem Absprung, militärisches Salutieren von Astronauten und Kosmonauten samt dem Kommentar von Niki Lauda, der austriakischen Volksstimme par excellence: "Wie sich der Felix do owe haut - faszinierend!“

Nur Spielverderber sprechen in solchen Momenten von Energiewende, der Rest der Welt hält den Atem an und greift zum Energy-Drink. Stärker war hier nur der Witz, der auf dem Fuß folgte: "Die Stratosphäre wird in Baumgartner Höhe umbenannt.“ Bekanntlich handelt es sich dabei um eine psychiatrische Klinik. Auch dort glauben manche, fliegen zu können.

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