Kommentar

Wissenschaft soll kommunikativ sein

Florian Freistetter | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Es lohnt sich, über Wissenschaft Bescheid zu wissen. Die Politik muss Entscheidungen über Atomkraft, Gentechnik oder Klimawandel treffen, und wer als Bürger informiert mitreden und als Wähler mitentscheiden möchte, der sollte sich auskennen. Dazu muss man selbst kein Wissenschafter sein - aber man sollte zumindest eine grundlegende Ahnung von den Dingen haben.

Die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse ist darum eine wichtige Aufgabe. Aber auch eine undankbare. Denn wenn Wissenschafter zu viel Zeit mit Öffentlichkeitsarbeit verbrin-gen, dann schaden sie damit unter Umständen ihrer eigenen Karriere.

Das liegt am System, das den wissenschaftlichen Erfolg definiert. Wer sich um eine Stelle an einer Universität bewirbt oder einen Förderantrag stellt, wird fast ausschließlich anhand der Publikationsliste beurteilt. Je mehr Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, desto besser.

Engagement in der Öffentlichkeits-arbeit oder auch der Lehre wird bei der Beurteilung in der Praxis nicht nur kaum berücksichtigt, sondern kann aktiv schaden. Wer seine Zeit nicht nur für die reine Forschung, sondern auch für die Vermittlung von Wissen verwendet, kann weniger publizieren und hat schlechtere Chancen, Karriere zu machen. Das gilt besonders für junge Wissenschafter. Arbeitszeiten von 80 Stunden pro Woche sind hier üblich und werden auch als normal angesehen. Freie Stellen sind begehrt und die Konkurrenz ist dementsprechend groß. Wer sich hier freiwillig zusätzlich noch mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt, muss Idealist sein.

Dabei gäbe es genug Forscherinnen und Forscher, denen die Wissenschaftskommunikation nicht nur Spaß machen würde, sondern die auch fähig wären, ihr Arbeitsgebiet der Öffentlichkeit allgemein verständlich zu erklären. Aber man kann es ihnen nicht verübeln, wenn sie sich lieber ganz auf ihre Forschung konzentrieren, statt ihre Karriere durch anderweitiges Engagement zu gefährden. Solange das System bleibt, wie es ist, wird sich das nicht ändern.

Wissenschafter müssen forschen, das ist klar. Aber Wissenschaft ist mehr als nur reine Forschung: Wissen muss auch vermittelt werden. Nur so kann am Ende die Gesamtgesellschaft davon profitieren. Wissenschaftskommunikation muss also als das gesehen werden, was sie ist: Ein normaler und vor allem wichtiger Teil der wissenschaftlichen Arbeit!

Florian Freistetter ist Astronom und Wissenschaftsautor in Jena und erfolgreicher Wissenschaftsblogger: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex

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