Editorial

Christian Zillner | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Die österreichische Nation besteht seit dem Jahr 1955. Berge gehören zu ihrem Selbstverständnis, nicht ohne Grund nennt man sie auch "Alpenrepublik“. Ein Name wie "Kaprun“ steht für ihren Gründungsmythos und eine ihrer größten Tragödien: Der eine bezieht sich auf das Speicherkraftwerk, die andere auf ein Unglück mit Wintersporttouristen.

Die größten Töchter und Söhne (oder zumindest die bekanntesten) stammen aus den Bergen und

bezwingen deren Skipisten meist vor Konkurrenten aus anderen

Nationen. Die Nationenwertung im alpinen Skiweltcup entscheidet Österreich in den meisten Fällen für sich - wer außer ewiggestrigen Verlierern wollte da noch an der Nation zweifeln? Wintersport und Wintertourismus schaffen uns

unseren Platz unter den Nationen.

Die winterlichen Berge waren bis in die Sechzigerjahre weitgehend unzugängliche Wüsten. Mit dem

Nationalgefühl wuchsen dort Freizeitoasen, die mittlerweile große Teile der Bergwelt überziehen. Aus Wüsten sind Lebensräume geworden. Doch zu ihrem einhundertsten Geburtstag 2055 wird die Nation neue Tourismusformen und zumindest teilweise auch ein neues Selbstverständnis brauchen. Ihre Davids werden nicht mehr Zwilling, sondern Alaba heißen und nicht mehr aus den Bergen, sondern aus anderen Ländern kommen.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige