Brief aus Brüssel

Emily Walton | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Seit wie vielen Kilos bist du schon in Brüssel?“ Diese Frage bekommen viele nach einer Weile in Belgien zu hören. Es ist der neckische, kleine Hinweis darauf, dass man während der Zeit in Europas Hauptstadt ein bisserl zugelegt hat. Der langen Arbeitsstunden oder der (extrem) guten Parlamentskantine wegen. Vielleicht liegt es auch nur an den Waffeln und den Pralinen.

Bekommt man diesen Satz zu hören, nimmt man ihn nicht zu persönlich, zieht den Bauch ein - und genießt weiter. Oder man nimmt sich vor, joggen zu gehen. Wenn denn das Wetter hier einmal schön wäre!

Um mich vor den Brüsseler Kilos zu wappnen, beschloss ich, selbst mehr zu kochen. Wenn ich mir selbst Miesmuscheln und Crêpes mache, würde ich die Zutaten kennen, vielleicht kleinere Portionen essen, dachte ich. Bis ich feststellte, dass es mit den richtigen Rezepten fast besser als im Restaurant schmeckt. (Brüsseler Freunde hatten mir zum Einstand ein belgisches Kochbuch geschenkt.)

Von Kochlaune gepackt, wollte ich in eine Küchenmaschine investieren und fuhr ins nächste Einkaufszentrum. Der Elektrofachhandel sah aus wie bei uns. Der einzige Unterschied: Mangels Französisch- und Flämischkenntnissen konnte ich nur mit Händen und Füßen kommunizieren.

Zu Hause packte ich mein 36-teiliges Gerät aus (obwohl wir nicht dieselbe Sprache sprachen, schaffte es die Verkäuferin, mir eine Luxusmaschine anzudrehen.)

Gierig auf den ersten Milchshake, füllte ich den Behälter. Es tropfte. Der Krug leckte. Enttäuscht packte ich alle 36 Teile wieder in die Kiste, eine größere Herausforderung als jedes Tetris-Spiel. Die Schachtel war etwas verbeult, trotzdem nahm man das gute Stück im Elektromarkt zurück. Der junge Mitarbeiter stellte mir eine Gutschrift aus, schickte mich in die Haushaltsabteilung, um mir ein neues Exemplar zu besorgen. Doch die gewünschte Maschine war nicht im Regal. Ausverkauft, sagte man mir zunächst.

Dann aber kam die Verkäuferin vom Vortag. "Warten Sie“, deutete sie mir. Sie glaube, es sei noch ein Gerät im Lagerraum. Ich wartete und wartete - probierte Stabmixer und Kaffeemaschinen aus -, bis sie mit einer Schachtel ankam. Es war meine verbeulte Schachtel, man hatte sie zugetackert und beklebt. Ich bedankte mich, so höflich ich es auf Französisch kann, stellte die Maschine aber ins Regal und dachte mir: Es wäre vielleicht doch besser und einfacher, in die Parlamentskantine zu gehen.

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