Neurowissenschaften

Wie kann man Emotionen messen?

Uschi Sorz | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Welche neuronalen Netzwerke und Prozesse das menschliche Sozialverhalten bestimmen, untersucht die Empathie-Forschung

Schon lange denkt man in der Psychologie über jene Mechanismen nach, die uns in die Lage versetzen, mit anderen mitzufühlen und mitunter sogar Fremd- vor Eigennutzen zu stellen. Warum tun wir das? Mit den heutigen technischen Möglichkeiten im Gepäck nähern sich die Neurowissenschaften dieser Frage an der Schnittstelle von Psychologie und Hirnforschung.

"Wir wollen den neuronalen Grundlagen prosozialen Verhaltens auf die Spur kommen. Auf dieser Basis können später in der Anwendung gezieltere Interventionen gesetzt werden“, sagt Claus Lamm, seit 2010 Leiter der Abteilung für soziale, affektive und kognitive Neurowissenschaften (SCAN-Unit) an der Universität Wien. "Das ist ein extrem interdisziplinäres Gebiet, das neben der Psychologie auch die Soziologie, Ökonomie oder Pharmakologie berührt.“

Mit Verfahren wie Magnetresonanztomografie, Elektroenzephalografie oder transkranieller Magnetstimulation lassen sich Zusammenhänge zwischen der Aktivität bestimmter Gehirnregionen und Entscheidungsprozessen herstellen. Während Versuchspersonen in soziale Interaktionen verwickelt werden, können Forscher buchstäblich in ihre Köpfe spähen und auch unbewusste Vorgänge abbilden.

"Soziales Verhalten wird von vielfältigen Entscheidungen bestimmt“, erklärt Lamm, der zu den Pionieren der Empathieforschung zählt. In einer Studie wurden Menschen Schmerzreize verabreicht, wobei andere zusahen. Bei den Beobachtern wurden ähnliche Bereiche im Gehirn aktiviert, als hätten sie selbst den Schmerz erlitten. "Körpergefühle werden in der anterioren Insel und im medialen zingulären Kortex repräsentiert“, sagt Lamm. "Emotionen haben eine starke körperliche Komponente, so können sie den Puls in die Höhe treiben.“ Das Gehirn bemerke die Reaktion des Körpers auf die Emotion des anderen - so könne man sie am eigenen Leib fühlen.

Die akademische Psychologie setzt Empathie nicht mit Mitgefühl gleich. "Empathie ist nur das Sichhineinversetzen in den anderen.“ Damit sie zu altruistischem Verhalten führt, muss Mitgefühl hinzukommen. Und Empathie kann es, muss es aber nicht zwangsläufig auslösen. "Sozio- oder Psychopathen können auch empathisch sein, reagieren aber anders darauf als die Normalbevölkerung.“

Gerade hat Lamm mit seinem Team die Effekte der "Humanisierung“ untersucht. "Je mehr wir uns in die Gedankenwelt eines Menschen hineinversetzt haben, desto eher sind wir bereit, ihm zu helfen“, erklärt er. Versuche hätten gezeigt, dass schon ganz einfache Überlegungen zu einer Person genügen, um sie als Individuum wahrzunehmen. Versuchspersonen wurden vor die Entscheidung gestellt, ob sie fünf Menschen durch Umlegen einer Weiche vor einem Zug retten würden, wenn auf dem anderen Gleis auch eine Person stände. Zuvor humanisierte Personen wurden deutlich weniger oft geopfert. "Der Konflikt zwischen Emotion und Kognition stresst enorm. Aber Rettungsmannschaften stehen oft vor einem ähnlichen Dilemma.“

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