Kein Strom(kabel) aus der Wüste

Gunnar Heinsohn | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Spanien verweigert DESERTEC Stromleitungen aus der Wüste nach Europa - Siemens und Bosch steigen aus

Selbst Hartgesottene, die auf gemessene Temperaturen schauen und ideologisch befrachtete Computermodelle als zeitgemäße Religion für Gebildete verbuchen, spüren den politischen Eros und die technologische Schönheit einer Elektrizität aus orientalischen Sandmeeren für abendländische Kochherde.

Wenn die Energie von einer Minute Sonnenschein den irdischen Bedarf ein Jahr lang decken könnte, haben Träume über das Anzapfen dieser nie versiegenden Quelle alle Berechtigung, selbst wenn die Kosten die unsäglich surrenden Windmühlen noch in den Schatten stellen. 2003 kann deshalb der Club of Rome, den seine 1972er-Fehlprognosen über die "Grenzen des Wachstums“ ins Abseits bugsiert hatten, mit dem Projekt DESERTEC noch einmal begeistern.

Deutschlands Versicherungsriese Munich Re übernimmt die Federführung und holt am 13. Juli 2009 mit Siemens Europas besten Technologiekonzern sowie als Geldmanager die Deutsche Bank ins Boot. Auch in Österreich findet man Gefallen am Segen aus Arabien: Der Salzburger Johannes Zickler gründet im April 2012 seinen Verein DESERTEC Austria.

Er hätte gewarnt sein können. Denn bereits im Jänner 2012 stoppte das spanische Industrieministerium Subventionen für die nationale Einspeisung von Strom aus Fotozellen und Metallspiegeln. Während die Führungen in Wien und Berlin ihre Bürger unter überteuertem Strom noch eine Weile keuchen lassen können, ist es damit im bankrotten Spanien vorbei.

Ein beredtes Omen. Denn so viel weniger Sonne als Nordafrika hat der iberische Süden auch nicht, und dessen Stromertrag will man in den marokkanischen Markt drücken. Deshalb lässt Madrid DESERTEC nicht in seine kostbaren Leitungen über die Straße von Gibraltar. Doch den schwersten Schlag empfängt das Konsortium am 5. November 2012: Siemens steigt aus. Zu lange erlagen die Münchner den Prophezeiungen ihrer Ökovorstände über die alsbaldige Unbezahlbarkeit von Erdgas und Erdöl.

Doch nachdem 800 Millionen Euro für die Solarsparte in den Sand gesetzt wurden, wird das Fallen der Gaspreise eingestanden. Deutschlands Spitzenkonzern gerät ins Trudeln: Erst schlägt ihm Berlin die nukleare Weltmarktführerschaft per Gesetz aus der Hand, dann zeigt ihm der Markt selbst die Aussichtslosigkeit der von Berlin vorgeschriebenen Sonne.

Und doch dürften Siemens und die am 13. November abgesprungene Bosch-GmbH noch dankbar sein, nicht mehr den Strom vom Himmel holen zu müssen. Denn als am 29. Oktober Hurrikan, Sandy‘ New York und New Jersey traf, begriff die Welt einmal mehr, dass bei Extremwetter nur Systeme helfen, die stets verfügbar und sekundenschnell einschaltbar sind. Muss man überschwemmte Gebiete leer pumpen, kann man nicht bis zum nächsten Monat auf Sonnenlicht warten. Firmen, die wegen zerstörter Überlandleitungen ihre Lieferkontrakte nicht einhalten können, wollen nicht noch einmal aus dem Geschäft fliegen. So setzen sie auf feste Gasleitungen, Dieselgeneratoren und Minireaktoren - auf Anlagen also, die selbst im Normalfall zusätzlich und kostenverdoppelnd in Reserve stehen müssen, wenn Alternativenergie siegen soll.

Wer also nicht für alle Zeiten zweifach bezahlen kann, kippt aus der Weltspitze. Deshalb sei hier die Wette gewagt, dass die Spanier auch Berlin und Wien in ihre Verzichtsspur zwingen werden. Bis 2060 lassen zu wenige Kluge, zahllose Alte und jede Menge Schulversager Deutschland (von fünf auf zehn) und Österreich (von 27 auf unter 50) die Weltrangliste herabpurzeln (laut OECD, 9. November 2012). Für das Bezahlen doppelter Strompreise ist an Rhein und Donau dann ohnehin niemand mehr da.

Gunnar Heinsohn ist Soziologe und Ökonom

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