Am Gipfel ist für alle Arten Schluss

Jochen Stadler | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Wer vertreibt wen? Wer weicht wohin aus? Warum Pflanzen und Tiere in den Himmel steigen

Durch die globale Erwärmung verschieben sich in Österreich die Lebensräume der Pflanzen und Tiere in die Berge und nach Norden. Für wärmebedürftige Arten wie die Gottesanbeterin ist das kein Nachteil, erklärt der Zoologe Wolfgang Rabitsch vom Umweltbundesamt: "Die Gottesanbeterin ist bis vor Kurzem nur in Tieflagen vorgekommen, doch im Zuge des Klimawandels breitet sie sich nach oben hin aus.“

In der Steiermark sei sie seit Neuestem schon auf über 1000 Metern Seehöhe zu finden. Dort trifft sie auf eingesessene Arten, die durch die neue Konkurrenz benachteiligt oder verdrängt werden könnten. Ihnen bleibt oft nichts anderes übrig, als in Richtung Gipfel auszuweichen. "Doch irgendwann ist der Berg aus, und dann können sie nicht mehr weiter nach oben wandern“, so Rabitsch, "es besteht die Gefahr ihres Aussterbens“.

"Es ist nicht nur am Gipfel Schluss, die Fläche wird auch nach oben hin kleiner, da Berge kegelförmig sind“, so Stefan Dullinger vom Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien. Außerdem würden sie oft mit zunehmender Höhe felsig und seien aus Schutt; durchwurzelbare Böden sind nur noch fragmentarisch ausgebildet - und die für Pflanzen besiedelbare Fläche schrumpft weiter. Je kleiner die bewohnte Fläche sei, umso größer wäre das Risiko, dass eine Störung wie der Befall mit einem Krankheitserreger oder ein mächtiger Steinschlag die Population vernichtet, warnt Dullinger.

In einer Studie des Umweltbundesamts hätte man einige hundert Pflanzen- und Tierarten gefunden, die es nur in Österreich gibt, so Rabitsch. Viele davon leben über der Waldgrenze, etwa in Hochgebirgsrasen. Wandert der Wald durch die Klimaerwärmung nach oben, verlieren sie ihren Lebensraum. "Sie sind durch den Klimawandel besonders gefährdet, denn wenn sie in Österreich aussterben, sind sie weltweit ausgestorben“, erklärt er.

Auch Vögel wie der Wasserpieper, der auf Almmatten lebt, hätten ein Problem damit, dass der Wald höher rückt, beobachtet Hans Winkler vom Department für Inte-grative Biologie und Evolution am Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung: "Aber das tut er nicht nur wegen des Klimas, sondern auch wegen verminderter Beweidung und Veränderungen in der Landwirtschaft.“

Für Arten, die auf offene Lebensräume wie Almwiesen angewiesen sind, wäre es sinnvoll, "eine nicht übertrieben intensive Almwirtschaft aufrecht zu erhalten“, meint Dullinger. Außerdem müsse man vor allem im Tiefland Migrationskorridore für Pflanzen und Tiere einrichten.

"Das Problem ist, dass in der Europäischen Union durch die intensive Landwirtschaft die Ausweichräume fehlen“, sagt Winkler. Doch immerhin stünde die Vernetzung der Lebensräume mithilfe der sogenannten "grünen Infrastruktur“ relativ weit oben auf der EU-Agenda, sagt Rabitsch.

Die Umsetzung sei freilich nicht immer einfach, vor allem deswegen, weil sie nicht nur in einzelnen Ländern, sondern europaweit geschehen muss.

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