Haidingers Hort der Wissenschaft

Schmelzeffekt und Fichte

Martin Haidinger | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Als Eis wie Holz

Gleichsam schmolz …

So könnte die Ode, oder besser das Lamento eines Walther oder Oswald von Wolkenstein beginnen, das von einem fundamentalen Wandel im Leben der Menschen berichtet. Sie hätten schon damals, im europäischen Mittelalter, recht gehabt, denn das war das sogenannte Klimaoptimum, etwas profan auch "mittelalterliche Warmzeit“ genannt.

Damals lag durch geheimnisvolle Sonnenaktivitäten das Durchschnittsklima um zwei Grad über jenem der Spätantike. Die nordischen Eisschluchten zogen sich zurück und verhalfen Wickie und den starken Männern zu einem fruchtbarer werdenden Nordland, das andererseits auch dem darob gut genährten schrecklichen Sven und seinen Wikingerkumpeln Raubzüge durch Europa ermöglichte.

Am Ende des Mittelalters kam dann die kleine Eiszeit über die Welt und trollte sich erst wieder gegen 1900. Und jetzt befinden wir uns gerade wieder auf dem Weg zurück in die Erwärmung.

Wer ist schuld daran? Die Sonne, der (gar nicht so) liebe Gott, die giftigen Flatulenzen weidenden Nutzviehs oder doch die Industrie?

Die Gewalt der Elemente ist ein Sinnbild für alles, was wir fürchten, und tatsächlich bangen wir hierzulande mit unseren gleißenden Gletschern und wallenden Wäldern um Filetstücke unserer österreichischen Identität. Nun sind die Gletscher, sogar ganz hoch droben auf der Pasterze, im letzten Jahr wieder stark geschmolzen.

Wo sie zurückweichen, bilden sich Seen aus Schmelzwasser, und diese können gefährlich werden.

Auch wenn der Mensch vielleicht nicht allein der böse Bube ist - einen gewissen Anteil an der Erwärmung hat er sicher, sagen die wissenschaftlichen Wetterfrösche der meteorologischen Zentralanstalt auf der Wiener Hohen Warte.

Akribische Schweizer wiederum haben ausgerechnet, dass die Erwärmung der europäischen Nadelwälder in den nächsten neunzig Jahren einen wirtschaftlichen Schaden von mehreren hundert Milliarden Euro anrichten wird.

Denn wenn die 30-Meter-Holzlieferantin namens Fichte sich verzieht und Tapetenwechsel im allerhöchsten Norden sucht, bleibt für unsereins nur noch die kümmerliche mediterrane Korkeiche. Und an ihr kann man höchstens noch eine Hängematte befestigen, aber keinen grünen Wirtschaftszweig erwarten.

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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