Klimaverlierer in Österreich

Werner Sturmberger | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Der Klimawandel steht nicht bevor, wir sind bereits mitten drin. Auch in Österreich

Noch halten sich die Auswirkungen des Klimawandels in Österreich in Grenzen. Sie werden ab der Hälfte dieses Jahrhunderts verstärkt spürbar werden. Die Veränderung bei Temperatur und Niederschlag gehen weiter, wir werden uns dem anpassen müssen.

"In Anbetracht von Ereignissen wie, Sandy‘ entsteht momentan der Eindruck, wir seien die Insel der Seligen. Dem ist nicht so“, warnt Erwin Mayer, Ökonom der Umweltagentur denkstatt, vor den Folgen des Klimawandels in Österreich. Auch wenn uns Katastrophen wie, Sandy‘ gegenwärtig erspart bleiben, ist der Klimawandel in Österreich wie im gesamten Alpenraum bereits deutlich ausgeprägt“, erklärt Michael Hofstätter, Klimaforscher an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik: "Im Großraum der Alpen haben wir seit der Industriellen Revolution einen Temperaturanstieg von plus 1,6 Grad, während er im globalen Mittel nur bei etwa 0,8 Grad liegt. Zwischen 1860 und 1930 haben sich die Temperaturen nur wenig geändert. Einen deutlichen Temperaturanstieg kann man erst ab Mitte des letzten Jahrhunderts und ganz massiv ab 1980 ausmachen.“

Die Schneefallgrenze ist um 160 Meter gestiegen

Die Drastik dieses Vorgangs wird besonders augenscheinlich, wenn man den Temperaturanstieg in die Höhe der Schneefallgrenze übersetzt. Folgt man Michael Hofstätter, gilt die Formel, dass für ein Grad Erwärmung die Schneefallgrenze um hundert Meter nach oben wandert - in den letzten Jahrzehnten um 160 Meter. Dies hat Auswirkungen auf die Gletscher: Sie befinden sich weiterhin auf dem Rückzug.

Für Erwin Mayer ist ein völlig gletscherfreies Österreich bis zur Jahrhundertwende kein gänzlich unrealistisches Szenario: "Die Alpen waren schon ohne menschliches Zutun gletscherfrei - dieses Mal hätte es aber klare anthropogene Ursachen.“ Ökonomisch betrachtet, betrifft die Temperaturerwärmung vor allem den Wintertourismus: Es steigt die Schneefallgrenze, auch ist mit einer früheren Schneeschmelze zu rechnen, wie Wolfgang Schöner, Klimafolgenforscher an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, erläutert. Das reduziert die Anzahl der möglichen Skipisten sowie die Dauer der Saison. Besonders betroffen sind vor allem Wintersportorte in niedrigen und mittleren Lagen. Mit der Schneefallgrenze steigt auch die des Dauerfrostbodens. Das macht es schwieriger, Gebäude und Infrastruktur in hochgelegenen Regionen zu errichten. Was ehemals als "Zement der Alpen“ bekannt war, ist als Fundament kaum mehr geeignet. Felsen, die nicht mehr durch den Dauerfrost geschützt sind, beginnen zu erodieren und werden instabil. Bereits bestehende Gebäude müssen oft mit großen Mengen Stahlbeton gesichert, einzelne Hütten sogar aufgegeben werden.

Die Zahl der gefährlichen Bergzonen steigt

Durch den Klimawandel sind größere Teile des Gebirgsmassivs von natürlicher Erosion betroffen. Dadurch werden Gesteinsmassen ins Rollen kommen und Felsstürze zunehmen - damit wächst auch die Zahl alpiner Gefährdungszonen. Die Folgen der steigenden Schneefallgrenze werden in der Form von Hochwasser auch noch in voralpinen Regionen spürbar sein. Erwin Mayer macht dafür den "Klospülungseffekt“ verantwortlich: Die winterlichen Niederschläge in Form von Schnee und Eis fielen bislang auf schnee- und eisbedeckte Flächen und wurden dort sofort gebunden. Die Gletscherschmelze und das Abtauen der Schneemassen setzten diesen Niederschlag langsam in unsere Gewässer frei. Das führte zu einer "relativen Glättung der Pegelstände“.

Je geringer die Gletschermasse und je höher die Schneefallgrenze, desto mehr Winterniederschlag fällt - als Regen - bis hin-auf auf 2000 oder 3000 Meter. Und desto schneller fließt das Wasser wieder in die Täler ab, was den Pegelstand der Gewässer binnen weniger Stunden drastisch steigen lässt. Erwin Mayer folgert daher: "Die sinkende Schneebedeckungsdauer führt zu einer Tendenz, dass Überflutungen wie im Kärntner Drautal öfter auftreten werden.“ Auch Wolfgang Schöner hält es für wahrscheinlich, dass weniger Niederschlag in Form von Schnee fallen wird. Darüber hinaus rechnet er mit einer Niederschlagszunahme im Winter.

Wer leidet unter Steinschlag und Hochwasser?

Wen Steinschläge oder Hochwasser treffen, hängt auch davon ab, wo man lebt. In den gefährdeten Lagen findet man vor allem einkommensschwächere Haushalte, was Erwin Mayer auf die niedrigeren Grundstückspreise zurückführt. Dass dort überhaupt gebaut werden durfte, liegt daran, dass Raumplanung und Festlegung von Gefährdungszonen lange Zeit in lokaler Kompetenz lagen. Gemeinden standen so vor einem Dilemma: Gefährdete Gebiete zur Bebauung freigeben, um über die Einwohnerzahl mehr Kommunalsteuer zu generieren, oder auf Wachstum verzichten und Sicherheitsbedenken den Vorzug geben?

Dennoch sieht Mayer die Bemühungen im Hochwasserschutz auf einem guten Weg - hier sei vor allem das Hochwasser von 2002 besonders lehrreich gewesen und hätte zu einem Umdenken geführt: "Man muss den Flüssen zwischen den Gemeinden mehr Platz bieten, damit sie sich ausdehnen können. Die alte Methode - wir kanalisieren von der Quelle bis zum Schwarzen Meer - hat nicht funktioniert, sondern zu erhöhten Geschwindigkeiten und noch stärkeren Hochwässern geführt.“

Als nachhaltig für den Hochwasserschutz bezeichnet er eine striktere Raumordnung. Teilweise wird diese auch Rückbauten fordern müssen, um zu Überflutungsflächen und zu einer Steigerung des Rückhaltevermögens des Bodens zu kommen. Dies lässt sich durch einen höheren Humusanteil und eine geringere Verdichtung schaffen.

Wird Österreich wesentlich trockener werden?

Ein erhöhtes Rückhaltevermögen des Bodens würde sich bei Hochwasser, aber auch in Trockenperioden bezahlt machen. Die steigenden Temperaturen werden, da sind sich Hofstätter und Schöner sicher, die Niederschlagshäufigkeit im Sommer senken. Die beiden Forscher gehen auch davon aus, dass das Niederschlagsvolumen bei einzelnen Ereignissen zunehmen könnte, weisen aber darauf hin, dass hinter dieser Annahme viele Fragezeichen stehen. Weder für unsere Trinkwasserversorgung noch für die Stromerzeugung werden diese Trockenperioden längerfristig problematisch sein.

Dies gilt jedoch nicht für die Landwirtschaft. Vor allem im Osten Österreichs kämpft sie schon jetzt gelegentlich mit Dürreperioden. Doch auch darauf könne man sich einstellen, erklärt Willi Haas: "Zukünftige Wasserknappheit lässt sich durch den Einsatz effizienterer Bewässerungssysteme bewältigen. Das setzt die effektive Verbreitung von Wissen darüber voraus, welche Pflanzen in welchen Phasen wie viel Wasser brauchen.“ Mittelfristig werden die Landwirte wohl nicht umhin kommen, ihre Fruchtfolgen und Pflanzensorten an die sich nun rascher wechselnden Bedingungen anzupassen.

Die hohen Temperaturen führen in der Land- und Forstwirtschaft zu neuartigem und potenziell stärkerem Schädlingsbefall. Unklar ist, wie die steigenden Temperaturen die Qualität der Gewässer beeinflussen und wie sie sich auf die Pegelstände der von der Schifffahrt genutzten Gewässer auswirken werden.

Die Österreicher geraten in Hitzestress

Die steigenden Sommertemperaturen werden zu mehr Hitzestress bei der Bevölkerung führen. Während der Hitzewelle im August 2003 in Frankreich erhöhte sich die Sterblichkeitsrate um 55 Prozent, es kam zu über 14.000 Todesfällen. Besonders betroffen sind ältere Menschen, Kinder und Kranke. "Es gibt natürlich Gebiete, die mikroklimatisch besonders ungünstig sind. Dort gibt es sehr wenig Grünraum, dafür vermehrt Luftstauzonen, es herrscht ein geringer Luftdurchzug. In diesen Stauzonen kann sich warme Luft besonders lange halten. Wenn dort ältere Menschen wohnen, kann es kritisch werden“, führt Willi Haas aus.

Es werden daher vor allem die Städte besonders stark unter den steigenden Temperaturen leiden. Erwin Mayer erklärt das so: "Es gibt einen Hitzeinseleffekt. Beton ist eine riesige Speichermasse, nimmt sehr viel Energie auf und gibt sie erst langsam wieder ab. Das heißt, die Hitzeperioden werden in den Städten noch dramatischer sein als am Land.“ Die Zahl aufeinanderfolgender Tropennächte, also jener Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad Celsius fällt, werden infolge mangelnder Abkühlungsperioden zunehmen. Abkühlung lässt sich mit Klimaanlagen erreichen. Damit würde aber unser Energiebedarf steigen. Einsparungen durch kürzere Heizperioden werden durch die Kosten der Klimaanlagen deutlich überkompensiert.

Der Klospülungseffekt in den Städten

Nicht nur aufgrund der CO2-Emissionen ist eine Zukunft mit weniger Autos erstrebenswert: "Je weniger motorisierter Individualverkehr im urbanen Raum, desto mehr Möglichkeiten gibt es, mikroklimatische Verbesserungen herbeizuführen“, erklärt Willi Haas. "Dazu braucht man gestaltbaren Raum, der ohne größere Konflikte zur Verfügung steht. Hier können Synergien von Anpassung und Klimaschutz hergestellt werden.“

Die Idee: Kühlung nicht durch technische Anlagen, sondern durch die Errichtung von Grünflächen anstelle von Straßen oder Stellplätzen. Das brächte natürliche Beschattung ebenso wie Verdunstungskühle, erläutert Erwin Mayer. "Wie wir das von unserer eigenen Haut kennen, ist die Verdunstung von Wasser ein effizientes und billiges Kühlmittel - besser als jede Kühlanlage im Sommer. Wenn wir das Wasser länger in der Stadt halten und damit einen Verdunstungsprozess auslösen, können wir die Stadt massiv kühlen.“

Für die Stadt gilt schon jetzt, was uns in den Alpen vermehrt bevorsteht: der Klospülungseffekt. Durch die Versiegelung der städtischen Oberfläche bleibt der Niederschlag als mögliches Kühlmittel nie lange in der Stadt, sondern wird über Kanäle rasch abgeleitet. Es gelte daher, mehr Biomasse in die Stadt zu bringen, um so Wasser für die Verdunstung speichern zu können. Das kann spektakulär sein wie die vertikalen Gärten des Botanikers und Künstlers Patrick Blanc im Innenhof des Sofitel-Hotels am Donaukanal. In den meisten Fällen aber wird es reichen, mehr Grünflächen zu schaffen und Fassaden und Dächer zu begrünen, um spürbar für Kühlung zu sorgen.

Afrikas Erde den Chinesen und Europäern

Es wächst die Gruppe der Menschen, die dem Klimawandel nicht durch Anpassung, sondern nur mit Absiedlung begegnen kann. Für viele bedeutet dies den Abschied aus ihrer Heimat. Vor allem Gebiete in Afrika sind massiv von Dürre und Bodenerosion betroffen. Dennoch sichern sich chinesische und europäische Unternehmen hier fruchtbares Land für die Produktion von Nahrungsmitteln und Agrartreibstoffen - Flächen, die der Nahrungsmittelproduktion für die lokale Bevölkerung vorenthalten bleiben. Ein Szenario, das an die große irische Hungersnot zwischen 1845 und 1849 erinnert: Missernten, Export von Nahrungsmitteln - und ein folgender Massenexodus.

"Laut Schätzungen des Environmental Change Institute der Universität Oxford gibt es im Moment 50 Millionen durch Umwelt und Klima bedingte Flüchtlinge weltweit. Im Jahr 2050 wird diese Zahl auf rund 200 Millionen steigen. Die sozialen Folgen des Klimawandels lassen sich noch schwer abschätzen, da diese von dessen Ausmaß abhängen werden. Aber nicht nur für Österreich, sondern für ganz Europa wird das Thema Klimaflüchtlinge ganz zentral sein“, sagt Adam Pawloff, Politikwissenschafter an der BOKU Wien. Die größten Verlierer des Klimawandels in Österreich sind also jene, die sich auf den Weg hierher machen.

Österreich versagt bei der Einhaltung der Klimaziele

Für Adam Pawloff stößt das Modell Nationalstaat im Zuge des Klimawandels an seine Grenzen. Das beständige Scheitern internationaler Klimaverhandlungen bestätigt ihn in dieser Sicht: "Da gibt es natürlich aufgrund sehr unterschiedlicher, nationaler Ausgangslagen sehr unterschiedliche Interessen. Bis jetzt hat man es nicht geschafft, zu globalen Entscheidungen zu kommen und effektive Maßnahmen zu setzen.“

Die oberste Direktive der Klimafolgenbearbeitung laute noch immer: so viele Emissionen wie möglich einsparen, um zukünftige Generationen vor noch größeren Folgen des Klimawandels zu bewahren. "CO2 wirkt sehr langfristig. Wenn wir jetzt eine Änderung setzen, dann wirkt sie erst in 50 oder 60 Jahren“, sagt Schöner. "Das erscheint so weit weg, dass es in der wirtschaftlichen und politischen Planung oft nicht berücksichtigt wird und kein Umdenken zu längerfristigen Perspektiven auslöst.“

Erwin Mayer resümiert die heimische Klimaschutzpolitik so: "Wir haben in Österreich ein sehr niedriges Emissionsreduktionsziel und keine Ambitionen, ein höheres zu setzen. Man übernimmt nur das, was man in Brüssel nicht verhindern konnte.“ Auch Willi Haas’ Fazit fällt kritisch aus: "Von seiten der Bundesregierung ist hier nur wenig Interesse zu bemerken, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Österreich ist bei der Einhaltung der Klimaziele alles andere als wegweisend.“

Willi Haas bemängelt auch, dass unser Gesundheitssystem nicht darauf vorbereitet ist, betroffene Menschen über Gefahren zu informieren und bei Bedarf zu unterstützen - etwa im Falle von Hitzewellen. Adam Pawloff regt an, sich um die Errichtung eines Netzwerks von Katastrophenschutzzentren zu bemühen, damit im Ernstfall Einsätze effektiv koordiniert werden können.

Für Erwin Mayer knüpft sich daran auch die Frage nach den Kosten von Klimafolgen. Im Fall von Extremphänomenen wie Hochwasserkatastrophen werden diese in der Regel aus dem allgemeinen Budget über einen Zuschuss aus dem Katastrophenfond finanziert. Alternativ könnte er sich vorstellen, einen Topf zu schaffen, der stärker das Verursacher-Prinzip berücksichtigt: "Das heißt, je mehr CO2 jemand ausstößt, desto mehr müsste er in den Topf einzahlen. Das würde auch einen sozialen Ausgleich schaffen.“

Der Klimawandel stellt jedoch nicht nur die Politik, sondern auch die Wissenschaft vor schwierige Aufgaben. Sie muss neue Klimamodelle entwickeln, die genauere Aussagen über regionale Auswirkungen zulassen. Dieses Wissen kann genutzt werden, um sozial-ökologische Systeme auf ihre Anfälligkeit gegenüber klimatischen Veränderungen zu untersuchen. Willi Haas meint darüber hinaus, dass man in vielen Bereichen schon wüsste, was zu tun sei. Es fehle jedoch der auf Kurzfristigkeit ausgerichteten Politik der Anreiz, dieses Wissen zur Vermeidung langfristiger Nachteile umzusetzen. "Es ist sehr wichtig zu schauen, was die Bedingungen derzeitigen Handelns sind und was sich an diesen ändern müsste, damit Reaktionen auf den Klimawandel entschieden und effektiv ausfallen.“

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