Neue Immigranten in Österreich

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Es ist ein unaufhaltsamer Strom: Fremde kommen zu uns, weil sie höhere Temperaturen schätzen. Treibt sie der Klimawandel zu uns?

Die Dornfingerspinne verbreitete im Sommer 2006 medial Angst und Schrecken. Der Klimawandel sei schuld, hieß es. Falsch! "Dornfinger sind keine Neozoen, sie sind seit Langem in Mitteleuropa nachgewiesen“, sagt Konrad Fiedler von der Uni Wien. "Sie sind wärmeliebend, können also durch den Klimawandel häufiger auftreten und sich weiter ausbreiten, am Alpenostrand und der Thermenlinie.“ Dornfinger-Arten nördlich der Alpen gebe es zwar, sie seien in Österreich aber selten. Wirklich neu ist die mediterrane "Falsche Schwarze Witwe“. "Es sieht verdächtig danach aus, als hätte sie in den letzten zwei Jahrzehnten im Süden Österreichs Fuß gefasst“, meint Fiedler. Sie wurde nicht vom Menschen eingeschleppt, sondern wanderte von selbst ein.

Neozoen und Neophyten

Alles, was nach 1492 nach Europa kam, ist definitionsgemäß Neophyt/Neozoon - und nicht notwendig invasiv. "Invasive Arten breiten sich invasionsartig über ein Gebiet aus, wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Türkentaube“, sagt Fiedler. Sie ist nicht die problematische Stadttaube. Und mit dem Klimawandel hat sie auch nichts zu tun. "Türkentauben sind spontan in vom Menschen veränderte, urbane Lebensräume eingewandert. Viele andere Neozoen, wie Kastanien-Miniermotte und Buchsbaum-Zünsler, wurden mit zunehmendem Warenverkehr eingeschleppt.“ Letztere sind aber ökologisch weitgehend belanglos, weil weder Rosskastanie noch Buchsbaum in Ostösterreich heimisch sind.

Anders am Mittelmeer, wo die Argentinische Ameise das ökologische Gleichgewicht stört, weil sie keine Blütensamen weiterträgt und die autochthonen Ameisen, die das tun, verdrängt. In Österreich gibt es sie nur im Gewächshaus, draußen ist es ihr zu kalt. "Aber wie lange noch? Darüber kann man nur spekulieren“, so Konrad Fiedler.

Tiere als Opfer neuer Erreger

Von welchen neuen Krankheiten sind Tiere betroffen? "Das West-Nil-Virus, ursprünglich aus Afrika, kam 2008 via Ungarn zu uns. Die Übertragungskette verläuft Vogel - Pferd, kann aber auch den Menschen betreffen“, erläutert Katja Silbermayr von der Vetmeduni Wien. Große Probleme machte 2006 die Blauzungenkrankheit, die höchstwahrscheinlich durch Tiertransporte ins Grenzgebiet Holland-Deutschland-Belgien eingeschleppt wurde und sich schnell in Europa verbreitete.

Auch das Schmallenberg-Virus, das von Gnitzen übertragen wird, kam über Nordeuropa nach Österreich. Es betrifft vor allem Wiederkäuer. "Es führt zu Fruchtbarkeitsstörungen, Lämmer und Kälber kommen deformiert zur Welt. Dieses Virus gibt es noch nicht lange, es wurde letztes Jahr neu beschrieben“, erklärt Silbermayr. Hunde, aber auch Menschen sind durch den Fadenwurm Dirofilaria gefährdet, der von Stechmücken übertragen wird und häufig im Mittelmeerraum auftritt. "Es gibt eine Herzform und eine Hautform. Die Hautform trat hier erstmals im Jahr 2006 beim Menschen auf. Die Herzform gibt es in Österreich derzeit noch nicht, aber das ist nur eine Frage der Zeit.“

Ist nun der Klimawandel schuld oder nicht? "Jein“, sagt Silbermayr. "An den neuen Mücken ist er nicht ursächlich schuld. Aber es gibt durch ihn höhere Temperaturen und mehr Regen. Mücken, Gnitzen oder Zecken können dann mehr Nachwuchs produzieren.“ Auch die Globalisierung trage dazu bei. "Die Tigermücke brütet in stehenden Gewässern - etwa Wasserpfützen, alten Autoreifen oder Blumentöpfen. Auch unsere heimischen Stechmücken können Malariaüberträger sein, das müssen nicht unbedingt exotische Arten sein.“

Infektionsgefahren

"Eine Stechmücken-Infektion des Menschen kann klinisch unauffällig oder als milde oder akute fieberhafte Erkrankung mit Ausschlägen bzw. Gelenksschmerzen verlaufen. In seltenen Fällen kann es aber zu Komplikationen - zu Pneumonie oder sogar zum Befall des Zentralnervensystems - kommen“, erläutert der Parasitologe Horst Aspöck von der MedUni Wien.

"Neben den HI-Viren stellen Leishmanien die wichtigsten Neobiota unter den Krankheitserregern in Mitteleuropa dar.“ Leishmanien sind intrazelluläre Parasiten, die ihre Wirte wechseln. "Die Übertragung erfolgt durch Sandmücken, deren Auftreten in Österreich und Deutschland erst in jüngster Zeit nachgewiesen wurde.“ In Deutschland gab es bereits autochthone Leishmaniose-Fälle, sowohl beim Menschen als auch bei Tieren. In Österreich traten bisher einige Verdachtsfälle auf.

Hochallergenes Unkraut

"Der für den Menschen derzeit gefährlichste Neophyt ist die Ambrosia artemisiifolia“, sagt Swen Follak von der AGES. Bei einer Studie (2009) zeigten 11 Prozent der Allergiker Reaktionen. "Dieser Wert ist in den letzten Jahren gestiegen und wird weiter steigen.“ Die Höhe der Folgekosten dürfte bei 80 bis 90 Millionen Euro liegen. Auch Rispenkraut, Dreilappige Ambrosia und Einjähriger Beifuß sind ähnlich allergen wie die "klassische“ Ambrosia. Sie treten in Österreich aber seltener auf bzw. befinden sich erst vor der Ausbreitung.

Die Ambrosia, die im 19. Jahrhundert mit verunreinigtem Getreide aus Nordamerika zu uns kam, war zuerst unbeständig. Echte Probleme gibt es seit den 1990er-Jahren. "In Ungarn, wo es etwas wärmer ist, setzte die Ausbreitung früher ein, auch wegen der Kollektivierung. Die Samen werden über Erntemaschinen von Feld zu Feld und über die Grenzen transportiert“, so Follak. Ein massives Problem stellt die Ambrosia für Sonnenblumen-, Soja- und Ölkürbiskulturen dar. Wirksame Herbizide fehlen.

Was kann der Einzelne tun? "Die Pflanzern ausreißen, am besten samt Wurzel und noch vor der Blüte Mitte Juli.“ Die Entsorgung erfolgt auf dem Komposthaufen. Aber Vorsicht! "Sobald die Ambrosia geblüht hat, gehört sie über den Hausmüll - im Plastiksack - entsorgt, denn am Komposthaufen kann sie nachreifen“, warnt Follak.

Eine allgemeine Melde- oder Bekämpfungspflicht für Ambrosiabefall gibt es in Österreich - im Unterschied zur Schweiz oder zu Ungarn - nicht. "Das liegt in Händen der Gemeinden. In der am stärksten betroffenen Steiermark gibt es viele Initiativen. Die AGES stellt Informationen bereit.“

Gewinner und Verlierer

Der Klimawandel übersteige die Anpassungsfähigkeit vieler oder sogar der meisten Arten und Lebensräume. "Dieses Phänomen ist in seiner Geschwindigkeit, Rasanz und globalen Bedeutung erdgeschichtlich ohne Präzedenzfall“, sagt Franz Essl vom Umweltbundesamt. Unter den betroffenen Arten gebe es Gewinner und Verlierer.

Gewinner schaffen es, einen Wandel zu nutzen und können viele verschiedene Lebensräume besiedeln, wie die Ambrosia oder die Feuerlibelle aus dem Mittelmeergebiet. Letztere kommt seit einigen Jahren auch in Österreich vor. "Libellen sind sehr ausbreitungsfähig, sie können hunderte Kilometer fliegen. Manche Arten haben keine hohen Ansprüche, solange es warm ist.“

Verlierer sind Arten, die an kühlere Temperaturen und somit an größere Höhen angepasst sind. "Nach oben hin ist es irgendwann aus, man kann nicht ewig ausweichen.“ Der Sonnentau, eine heimische fleischfressende Pflanze, sei ein Verlierer: "Arten, die Moore oder Feuchtwiesen besiedeln, sind speziell an diese angepasst, und wenn es zu wenig Wasser gibt, wird es kritisch: Ein Hochmoor kann nicht einfach abwandern, es entsteht über Jahrhunderte.“

Verliererin Fichte

Am stärksten unter dem Klimawandel leiden wird die Fichte. "Sie wurde von der Forstwirtschaft in suboptimalen, weil zu warmen Bereichen großflächig angepflanzt“, erklärt Essl. Ihre Hauptgefahr: der Buchdrucker, ein Borkenkäfer, der durch höhere Temperaturen mehrere Generationen von Larven produziert. "Früher kam er nur bis 1000 Meter Seehöhe, seit zehn Jahren gibt es ihn bis zur Waldgrenze, bei 1700 Meter. Da die Fichte auch eine Schutzfunktion hat, muss man sich darauf einstellen, dass Erdrutsche häufiger werden.“

DAISIE (Delivering Alien Invasive Species Inventories for Europe) listet die "schlimmsten 100“ invasiven Arten auf. www.europe-aliens.org

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige