Wasserspeicher statt Hochtäler

Martina Weinbacher | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Die Wasserkraft soll uns ökologisch verträglichen Strom bringen. Doch das Beispiel des geplanten Kraftwerks Kaunertal zeigt die Problematik solcher Überlegungen

Im März dieses Jahres stellten sich die österreichischen Umweltorganisationen WWF, Greenpeace, GLOBAL 2000 und Ökobüro gegen den Ausbau des Kraftwerks Kaunertal der Tiroler TIWAG. Fünf neue große Wasserkraftwerke will der Stromlieferant errichten bzw. erweitern, um in den nächsten zwanzig Jahren ein Ausbauziel von 2.800 Gigawattstunden (GWh) zu erreichen.

Wasserkraftwerke versus Umweltschutz

Das größte Bauvorhaben, das Kaunertaler Kraftwerk, soll künftig 620 GWh Strom liefern. Eine 120 Meter hohe und 450 Meter breite Staumauer für 42 Milliarden Liter Wasser, ein rund 50 Kilometer langer Druckstollen mit dem Durchmesser des Brennerbasistunnels und ein neues Pumpspeicherkraftwerk sind dafür geplant. Dagegen wehren sich die Umweltorganisationen. Man sei nicht grundsätzlich gegen den Ausbau der Wasserkraft - wohl aber, wenn unberührte Fließgewässer und intakte Lebensräume betroffen sind, wie jene im Tiroler Oberland.

Dort soll der bestehende Gepatschspeicher durch die Aufstauung und Ableitung von ökologisch intakten Bächen (einige von ihnen wurden vom Lebensministerium und dem WWF 1998 als "nationale Flussheiligtümer“ ausgewiesen) mehr Wasser bekommen. Betroffen sind die Venter und Gurgler Ache aus dem Ötztal sowie ihre Zubringer, der Königsbach und der Ferwallbach.

Zur Ableitung des Wassers müssten rund 70 Kilometer untertunnelt werden. Die Tunnelsysteme berühren gleichzeitig das größte zusammenhängende Gletscher-areal der Ostalpen, das Natura-2000-Gebiet "Ötztaler Alpen“ und Bereiche des Naturparks "Ötztal“. Das sei nicht mit dem Schutzzweck zu vereinbaren, meinen die Umweltorganisationen.

Im neuen Stausee müsste zudem das Platzertal verschwinden, ein Hochtal auf 2300 Metern Höhe, Teil eines alpenweiten "Wildnisgebietsverbundes“ und von überregionaler ökologischer Bedeutung. Es gehört zu den am stärksten bedrohten Regionen im ganzen Alpenraum, zeigt die Studie "Wildnisareal Ötztaler Alpen“ von Armin Landmann von der Universität Innsbruck.

Pumpspeicherkraftwerke: keine grünen Batterien

Eine weitere ökologische Herausforderung stellt unter derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen der Bau eines Pumpspeicherkraftwerks im Kaunertal dar. Solche Kraftwerke bieten bis dato die einzige Möglichkeit, größere Mengen Strom zu speichern, um sie bei Bedarf ins Netz einzuspeisen. Weil sie die unregelmäßige Stromproduktion ausgleichen können, die der vermehrte Einsatz von alternativen Energiequellen unter Umständen mit sich bringt, werden Pumpspeicherkraftwerke oft als "grüne Batterien“ bezeichnet. Sie sollen künftig nicht nur Strom speichern, sondern Österreich auch einen strategischen Vorteil am europäischen Strommarkt bringen.

Strom aus Pumpspeicherkraftwerken wird nicht notwendigerweise aus Wasserkraft generiert. Energiekonzerne betreiben solche Kraftwerke auch mit dem an der Strombörse gekauften Euromix-Strom. Dieser "Graustrom“ unbekannter Herkunft enthält unter anderem Strom aus Kohle und Atomkraftwerken, erklärt Reinhard Uhrig, Atomexperte bei GLOBAL 2000: "Hinter Graustrom verbirgt sich mehr als ein Drittel Atomstrom. Sieht man sich den Zukauf von Graustrom hierzulande an, kann man für das Jahr 2011 davon ausgehen, dass in Österreichs Leitungen Atomstrom im Wert von 140 Millionen Euro geflossen ist. Das sind rund 1,8 Prozent des gesamten jährlichen Stromverbrauchs.“

Ohne gesetzliche Regelung, die vorschreibt, dass die Herkunft von Strom lückenlos gekennzeichnet und ein Pumpspeicherkraftwerk vorrangig mit Strom aus alternativen Energiequellen gespeist werden muss, sind Pumpspeicherkraftwerke keine "grüne Batterien“.

Sind Pumpspeicherkraftwerke ökonomisch?

Pumpspeicherkraftwerke sind keine Stromerzeuger im eigentlichen Sinn. Um 1 KWh Strom zu produzieren, sind 1,3 KWh Pumpenergie notwendig. Dieser Energieverlust rechnet sich dank der Gewinnspanne zwischen günstigem Euromix-Strom und teurem Spitzenstrom zur Abdeckung von Verbrauchsspitzen.

Prognosen deuten darauf hin, dass die Gewinnspanne durch den technischen Fortschritt in Zukunft sinken wird, sagt Christoph Walder, Flussexperte beim WWF Österreich: "Derzeit sieht es so aus, dass Pumpspeicherkraftwerke an Bedeutung verlieren werden, weil das zukünftige europäische Leistungsnetz weniger auf diese Kraftwerke angewiesen sein wird. So lange keine konkreten Pläne zum Aus- und Umbau des Leistungsnetzes vorliegen, lässt sich die Wirtschaftlichkeit dieser Kraftwerke nicht überprüfen. Demnach macht es vorerst auch in ökonomischer Hinsicht keinen Sinn, in sie zu investieren.“

Selbst ohne Pumpspeicherkraftwerk sei der Ausbau des Kaunertaler Kraftwerks fragwürdig. Die Ausbaustrategie der Österreichischen Wasserkraft gilt als alternative Energiegewinnung - aber wie steht sie zum Umweltschutz? Ziel der Energiestrategie Österreich ist, den Anteil der erneuerbaren Energieträger auf 34 Prozent zu erhöhen. Dabei kommt der Wasserkraft eine besondere Bedeutung zu, erklärt Flussexperte Christoph Walder: "Bis zum Jahr 2015 soll sie auf 3,5 Terawattstunden ausgebaut werden, bis 2020 strebt man eine Leistung von 7 TWh an.“

Wie ökologisch sind Wasserbauprojekte?

Eine Vielzahl der vorgesehenen Wasserbauprojekte betrifft ökologisch intakte Fließgewässerstrecken, die hierzulande schon jetzt rar sind: "Sechs ausgewiesene "Flussheiligtümer“ sind akut durch Wasserkraftprojekte bedroht. Vor allem Fließgewässer in gutem und sehr gutem Zustand gilt es zu schützen, denn die Qualität der heimischen Flüsse ist im europäischen Vergleich ohnedies kritisch“, mahnt Walder.

Bei einem Ausbaugrad der Wasserkraft von 70 Prozent sind nur mehr 14 Prozent der heimischen Fließgewässer in ökologisch einwandfreiem Zustand. Laut Nationalem Gewässerbewirtschaftungsplan verfehlen heute 63 Prozent der Fließgewässer das in der EU-Wasserrahmenrichtlinie definierte Umweltziel. Österreich liegt damit im EU-Schlussfeld.

"Das liegt vor allem an der intensiven energiewirtschaftlichen Nutzung“, sagt der Flussexperte Walder und verweist auf die BOKU-Studie "Ökologischer Zustand der Fließgewässer Österreichs“ aus dem Jahr 2010, die zum selben Schluss kommt.

Der Ausbau der Wasserkraft wird als Umweltschutzmaßnahme vorangetrieben - allerdings wäre er aus ökologischer Sicht nicht sinnvoll. Der Kraftwerksausbau der TIWAG im Kaunertal steht beispielhaft für das Problem, dass ökologische Zielsetzungen gegeneinander ausgespielt werden. Um künftig Umweltschutzziele zu erreichen, empfiehlt Waldner, sich vorrangig auf das Energie-Einsparpotenzial in Österreich zu konzentrieren, etwa bei der Gebäudesanierung und beim Verkehr. "Laut unseren Berechnungen könnte hierzulande Strom eingespart werden, für dessen Produktion es 15 bis 20 Pumpspeicherkraftwerke bräuchte.“

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