Klimaverlierer (in Österreich): Das Glossar

Jochen Stadler | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Der Wintertourismus in Österreich bangt um seine Schneesicherheit, besonders im Süden des Landes

Allergien

Da die CO2-Konzentration in der Luft steigt, wachsen Pflanzen besser, wodurch aber auch die Pollenproduktion beschleunigt wird. Die milderen Temperaturen verlängern außerdem die Pollenflugsaison. Dies seien die wahrscheinlichsten Ursachen, weshalb der Klimawandel die Situation für Allergiker verschärft, so ein internationales Forscherteam unter der Leitung der TU München, das den Anstieg der Pollenbelastung dokumentierte.

Aussterbe-Verzögerung

Wird der Lebensraum für eine Pflanze langsam, aber sicher zum Überleben ungeeignet, stirbt sie dennoch nicht sofort aus: selbst wenn sie sich nicht mehr geschlechtlich fortpflanzen kann, vermehrt sie sich oft über Ableger. Funktioniert auch diese Technik nicht mehr, dauert es nicht selten einige Jahrzehnte, bis sie ausgestorben ist, da viele Gebirgspflanzen sehr langlebig sind, so Ökologen der Uni Wien.

Bergsteiger und alpine Infrastruktur

Höhere Temperaturen tauen den Dauerfrostboden in den Alpen auf. Dieses Phänomen kostete dem Gipfelkreuz des Großvenedigers sein gefrorenes Fundament: es musste versetzt und im Fels verankert werden; Observatorium und Zittelhaus am Sonnblick wurden mit Beton gesichert, damit sie nicht in die Tiefe stürzen. Wegen der steigenden Felssturzgefahr sind manche klassischen alpinen Routen nur noch im Winter begehbar; Höhenwege müssen saniert werden.

Endemiten

Pflanzen und Tiere, die in einem bestimmten Gebirgstal, auf einer Bergwiese oder Insel existieren, also in einem kleinen, abgeschlossenen Gebiet. Durch den Klimawandel sind sie besonders gefährdet: sterben sie in ihrem angestammten Revier aus, gibt es sie auch weltweit nicht mehr.

Generalisten

Lebewesen, die mit unterschiedlichen Umweltbedingungen gut zurechtkommen und verschiedene Ressourcen nutzen können. Ihre Ansprüche sind leicht zu erfüllen, ihr Verhalten passen sie an die Gegebenheiten an, wie zum Beispiel Menschen und Ratten.

Gesundheit

Heiße Sommer erhöhen die Sterblichkeit bei alten Menschen, da sie den Körper zusätzlich belasten. Laut Schätzungen des Earth Policy Institute sind etwa wegen der Hitzewelle 2003 mehr als 52.000 Europäer gestorben. Auch die erwartete Reduzierung der Bewölkung im Sommer durch den Klimawandel hat eine Schattenseite: Sie führt zu einer erhöhten Belastung durch UV-Strahlung, wodurch das Hautkrebsrisiko steigt.

Gletscher

Durch den Klimawandel weltweit dezimierte und in Österreich vom Aussterben bedrohte Eisriesen mit entscheidendem Einfluss auf das Weltklima. Sie sind der größte Süßwasserspeicher auf der Welt und damit ein wichtiges Reservoir für Trinkwasser wie auch Lieferant für Wasserkraft. Laut einer Studie war 1850 in den Alpen doppelt so viel Fläche mit Eis bedeckt wie heute. 2011 sind in Österreich 95 von 99 Gletschern geschrumpft, die restlichen blieben gleich groß, berichtete der Alpenverein.

Grüne Infrastruktur/Biotopvernetzung

Verbindet Naturgebiete, die etwa durch Städte, Felder, Weiden und Straßen voneinander getrennt sind, zum Beispiel Grünbrücken über Autobahnen. Damit gibt man Pflanzen und Tieren, die wegen der globalen Erwärmung in neue Gebiete auswandern müssen, die Möglichkeit dazu.

Kälteliebende Arten

Flüchten in Österreich vor den steigenden Temperaturen nach Norden und höher in die Berge. Allerdings sind die Berge bekanntermaßen nicht endlos hoch und oben spitz, was bedeutet, dass der Platz mit der Höhe zunehmend knapp wird. Der Weg in den Norden ist oft durch bebaute Gebiete und Ackerland versperrt.

Klima

Alles, was sich im Jahresverlauf an einem bestimmten Ort wettermäßig abspielt.

Klimagewinner

Wärmeliebende Wesen und der allgemeine Sommertourismus, dem mehr Sonnentage prophezeit werden.

Klimaverlierer

Menschen, Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien, denen der Klimawandel Probleme beschert. Manche sterben aus, manche verlieren ihre Heimat und den Lebensraum, etwa Skihüttenbetreiber.

Klimawandel - Klimakrise

Das durch die Menschheit verursachte Aufheizen des Klimas auf der ganzen Erde, daher auch "globale Erwärmung“ genannt. Je nachdem, ob die Menschheit ihren Energiehunger bremsen kann oder nicht, sagen Wissenschafter eine Erwärmung auf der Erde von 1,1 bis 6,4 Grad Celsius bis 2100 voraus.

Mountain top extinctions

Viele Pflanzen und Tiere in den Alpen "flüchten“ vor der steigenden Temperatur und zunehmender Konkurrenz von wärmeliebenden Arten in höhere Gebiete. Dort wird aber der Platz eng - und spätestens am Gipfel stecken sie in der Sackgasse, dann sind sie akut vom Aussterben bedroht.

Neobiota

Gebietsfremde, von Menschen absichtlich oder unabsichtlich eingeschleppte Pflanzen (Neophyten), Tiere (Neozoen) oder Pilze (Neomyzeten). Durch die globale Erwärmung können sich Arten festsetzen, die sich bislang nicht fortpflanzen konnten oder durch einen strengen Winter gleich wieder verschwanden. Wenn sie mit den veränderten Bedingungen besser zurechtkommen als die heimischen Arten, können sie diese verdrängen. Dann charakterisiert man sie als "invasiv“.

Ökologie

Beziehungswissenschaft, die untersucht, wie etwa Räuber und Beute, Blume und Bestäuber voneinander abhängen oder Pflanzen und Tiere von ihrer Umwelt.

Opportunisten

Können sich gut an unterschiedliche Bedingungen anpassen. Pflanzen solcher Art werden als "Unkraut“, demgemäße Menschen als "Wendehälse“ bezeichnet.

Phänologie

Die Vorgänge in der Natur, die im Jahreslauf kommen und gehen, etwa die Blüte von Blumen und Bäumen, das Schlüpfen von Insekten und Vögeln und das Einfrieren und Auftauen von Seen und Flüssen. Durch den raschen Klimawandel kann es passieren, dass das präzise Timing verloren geht. Das kann fatal sein, wenn etwa Zugvögel aus ihren Winterquartieren früher zurückkehren und kein Futter finden, weil Schmetterlingsraupen, die früher zu dieser Zeit reichlich vorhanden waren, noch nicht geschlüpft sind.

Sommertourismus

Vermutlich einer der wenigen Gewinner des Klimaverlierers. Bade- und Wandersaisonen könnten wegen der milderen Temperaturen und längeren Schönwetterperioden früher beginnen und länger dauern. Bloß Städtetouristen mag es zu heiß werden.

Spezialisten

Sind an einen bestimmten Lebensraum angepasst, können dort die Ressourcen optimal nutzen und unter teils schwierigen Bedingungen wachsen und gedeihen. Ändert sich aber der Lebensraum oder schwindet ihre oft einzige Futterquelle, stehen sie vor einer Existenzkrise.

Umweltflüchtling

Jemand, der wegen einer Naturkatastrophe oder durch sich schleichend verschlechternde Umweltbedingungen seine Heimat verlassen muss. Ist der Klimawandel daran schuld, nennt man Menschen dieser Art Klimaflüchtlinge - so zum Beispiel die 980 Einwohner der Cateret-Inseln im Südpazifik, die wegen des steigenden Meeresspiegels den Boden unter den Füßen verlieren. Nachdem Salzwasserüberschwemmungen den Boden unfruchtbar gemacht hatten und Gezeitenhochwässer die Häuser wegspülten, entschloss sich die Regierung Papua-Neuguineas 2005, die Bewohner auf eine andere Inselgruppe umzusiedeln. Nach Schätzungen werden die Inseln im Jahr 2015 größtenteils vom Meer bedeckt und unbewohnbar sein.

Wärmeliebende Arten

Könnten vom Klimawandel profitieren und auf Kosten anderer Arten neue Lebensräume erschließen.

Wasserversorgung

Das Verschwinden der Gletscher könnte Europa den Wasserhahn zudrehen, so europäische Wasserexperten. Dazu würde der Grundwasserspiegel sinken und im Sommer häufigere Hitzewellen auftreten. Im Norden Österreichs würde der Niederschlag dafür leicht zunehmen, im Süden sich jedoch reduzieren.

Wintertourismus

Bangt um seine Schneesicherheit, vor allem im Süden Österreichs, wo schon in den vergangenen fünfzig Jahren die Tage, während der das Land mit einer weißen Pracht bedeckt war, signifikant weniger wurden.

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