Eine Akademie will in die Champions League

Florian Petautschnig | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Gebeutelt durch Sparmaßnahmen und erschüttert durch Austritte prominenter Mitglieder, will sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften neu aufstellen

Es erinnert ein bisschen an ein Privatunternehmen, betrachtet man das neue Organigramm der ÖAW, bei dem es zwei Säulen geben wird: Einerseits die Forschung, andererseits die sogenannte Gelehrtengesellschaft. Erstere soll internationale Spitzenklasse sein, letztere hat die Aufgabe, Gesellschaft und Politik wissenschaftlich auf hohem Niveau zu beraten.

Waren diese beiden Bereiche vor der großen Reform eng miteinander verwoben, so sollen sie künftig voneinander getrennt sein: Die Forschung soll in Zukunft ganz eigenständig von zwei Geschäftsführern (je einer für Wissenschaft bzw. Finanzen)geleitet werden. Kontrolliert werden die beiden von einem neu gegründeten Akademierat, der mit einem Aufsichtsrat in der Privatwirtschaft vergleichbar ist.

Die zweite Säule, die Gelehrtengesellschaft, soll von nun an "ÖAW Mitglieder“ heißen und sich so besser auf ihre beratende Aufgabe konzentrieren können. Außerdem sind getrennte Budgets für die beiden Säulen vorgesehen.

Alles nur ein PR-Gag?

Geld soll bei der ganzen Strukturreform keines eingespart werden. Kritische Stimmen aus der Akademie meinen deshalb, das Ganze sei möglicherweise nur ein PR-Gag, damit die Akademie besser dastehe, werde ihr doch bisweilen "Reformfaulheit“ nachgesagt. Doch das weist Präsident Helmut Denk vehement zurück: "Wir sind nicht reformresistent, und es ist auch keine PR-Maßnahme. Es handelt sich um eine konsequente Weiterführung des seit etwa drei Jahren laufenden Reformprozesses, auf den die Turbulenzen der letzten Monate keinen Einfluss hatten. Die Reform wird sich positiv auf die Qualität und die Effizienz auswirken. Die Akademie wird ihre Aufgaben in Forschung und Beratung besser erfüllen können. Wir gehörten zwar immer schon zu den Speerspitzen der Wissenschaft in Österreich, aber wir wollen uns nicht darauf ausruhen.“

Ein weiterer Kritikpunkt bei der ganzen Reform ist, dass der Akademierat nur aus Personen bestehen soll, die von außerhalb der Akademie kommen: Stimmen der eigenen Wissenschafterinnen und Wissenschafter könnten so womöglich zu kurz kommen, befürchten manche. Präsident Denk rechtfertigt das so: "Auch diese Behauptung ist nur teilweise richtig. Richtig ist, dass die auswärtigen Mitglieder dieses Aufsichts- und Kontrollgremiums die Mehrheit bilden werden. Wir brauchen in diesem Kontrollgremium Mitglieder von außen zur Legitimation des vom Geldgeber, also letztlich vom Steuerzahler, für die Akademie zur Verfügung gestellten Budgets. Wir brauchen Akademieratsmitglieder, die, ohne dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, womöglich Partikularinteressen zu verfolgen, feststellen: ‚Die Akademie arbeitet erstklassig!‘, aber die, wenn nötig, auch Kritik einbringen.“

"Arbeiten“ lautet das Schlüsselwort

"Wir wollen eine Arbeitsakademie schaffen“, erklärt ÖAW-Präsident Helmut Denk. Das betreffe vor allem die Gelehrtengesellschaft, die in Hinkunft "ÖAW Mitglieder“ heißen soll. Alexia Fürnkranz-Prskawetz, eine Vertreterin dieses Gremiums, erklärt: "Wir hatten durch die enge Verflechtung mit den Forschungseinrichtungen und der damit verbundenen Bürokratie zu wenig Zeit für unsere eigentliche Aufgabe.“ Diese sei es nämlich, nicht nur Politikerinnen und Politiker in wissenschaftlich brisanten Fragen zu beraten, sondern auch eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu bauen: "Wir müssen die Gesellschaft wieder für die Wissenschaft motivieren und die Akzeptanz für Wissenschaft in der Gesellschaft erhöhen.“

Die Wissenschaftspolitik

Der Molekularbiologe Josef Penninger ist einer der "Vorzeigeforscher“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Nach einigen Jahren in Kanada wurde er 2003 Chef des Instituts für molekulare Biotechnologie (IMBA) an der ÖAW. Für ihn ist die Reform eine der wichtigsten forschungspolitischen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte: "In den letzten Jahren haben wir uns im Kreis gedreht. Das Ganze ist aber auch ein Problem der Wissenschaftspolitik in diesem Land: Alle sagen, Forschung sei so wichtig. Dabei hat man die Akademie mit ihren Geldnöten einfach allein gelassen und gesagt: Sollen sich die doch intern um’s Geld streiten. Frei nach dem Motto: Wenn der Penninger mehr Geld will, dann müssen andere Forschungsbereiche eben zusperren.“

Die jetzige Reform mache zwar den Sparzwang nicht geringer, doch durch die neue Organisation und die Entflechtung von Forschung und Beratung ziehe nun die ganze Akademie an einem gemeinsamen Strang. "Wir sind exzellent aufgestellt, wir stehen nun gemeinsam mit breiter Brust da!“

Denn laut Penninger sei der Umbau an der Akademie die einzige Möglichkeit, trotz vergleichsweise geringer Finanzmittel in Zukunft in der weltweit obersten Forschungs-Liga mitzuspielen. "Wir wollen in der Champions League mitkicken! Wir sind zwar jetzt schon sehr gut drauf und können international mithalten, doch wir wollen Erster in der Champions-League-Gruppenphase werden und ins Finale aufsteigen.“ Und erklärt selbstkritisch: "Wenn wir das nicht schaffen, dann soll man uns austauschen. Das gilt auch für mein Institut!“

Wer profitiert vom Umbau?

Anpacken und nach vorne schauen: Innerhalb der ganzen Akademie scheint die Reform-Euphorie groß zu sein. "Wir alle profitieren sehr vom Umbau“, freut sich Molekularbiologe Penninger, dessen Institut zu den größten und finanziell höchst-dotierten Einrichtungen der ÖAW gehört.

Doch wie sehen die Chefs kleinerer Forschungsinstitute den derzeitigen Umbau? Helmut Kowar, Direktor des Phonogrammarchivs, das zu den kleineren und zugleich ältesten Einrichtungen der Akademie gehört, ist bei all der Reform-Euphorie an der ÖAW etwas vorsichtiger: Seiner Meinung nach ist es für eine Einschätzung zum Reformprozess noch zu früh, doch auch er begrüßt die Veränderungen: "Der Wille der Akademie, Veränderung anzustreben, ist auf jeden Fall zu unterstützen.“

Vorsichtig zeigt sich auch der Betriebsrat. "Die Mitarbeiterschaft hat die strikte Trennung von Forschungsträger und Gelehrtengesellschaft schon länger gefordert“, erklärt die Vorsitzende des Betriebsrates Bedanna Bapuly. Hinsichtlich des Akademierates, der die beiden Geschäftsführer des Forschungsbereichs kontrollieren soll, zeigt sie sich leicht skeptisch: "Bei dieser Art von Aufsichtsrat muss es eigentlich nicht sein, dass auch das Präsidium der Mitgliedergemeinschaft drinnen sitzt.“

Alle unter einem Dach

Auch wenn die zwei Säulen der Akademie künftig weitgehend voneinander getrennt agieren sollen, "wollen wir trotzdem nicht völlig isoliert sein“, betont Fürnkranz-Prskawetz, Mitglied der Gelehrtengesellschaft. "Da wir uns künftig besser auf unsere beratende Funktion konzentrieren können, glaube ich, dass wir bei forschungsrelevanten Fragen sogar mehr mitreden werden können als bisher.“ Und trotz Entflechtung und getrennter Budgets tragen die beiden Säulen immer noch ein gemeinsames Dach, nämlich jenes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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