Was am Ende bleibt

Sprachlos wandelnde Dichter

Erich Klein | aus HEUREKA 5/12 vom 21.11.2012

Was bleibet aber, stiften die Dichter. An Hölderlins Wort bestehen eine Zeitlang schon Zweifel - zumindest, was die Mittel betrifft. Robert Musil etwa wendet fünfzehn Zeilen und einen halben Thesaurus der Wissenschaft an, um im ersten Satz seines Romans "Der Mann ohne Eigenschaften“ einen einfachen Tatbestand zu evozieren. Dessen ironische Auflösung: "Mit einem Wort, dass das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.“ Bezeichnend, dass Musils Groß-Satire über Kakaniens Untergang auf die Welt vor dem Ersten Weltkrieg, der "Urkatas-trophe des 20. Jahrhunderts“, zurückgriff, während die nächste schon heraufzog. Noch bezeichnender aber, dass die ironische Utopie von einem "Erdensekretariat der Genauigkeit und Seele“ in der Folge von keinem Autor weiterverfolgt wurde. Die Literaturen von Thomas Mann bis Brecht, von Benn bis Paul Celan nahmen zu Mythen, Ideologien, diversen "Ismen“ und poetologischen Verdikten Zuflucht. An eine Darstellung unserer Lebenswelt, die sich auf der Höhe der Wissenschaften ihrer Zeit bewegte, wagte sich keiner mehr heran.

Die Versuche, Atomkriegsgefahr oder Genetik an der moralischen Anstalt des Theaters zu verhandeln, wirken heute ebenso veraltet, wie der Betroffenheitsfuror eines Erich Fried läppisch, dessen "Liebesgedichte“ immerhin eine Viertelmillion Mal verkauft wurde: "Seit der Gärtner die Zweige gestutzt hat / sind meine Äpfel größer / Aber die Blätter des Birnbaums / sind krank. Sie rollen sich ein / In Vietnam sind die Bäume entlaubt.“

Warum brachte der Paradigmenwechsel der "grünen Revolution“ keine andere Literatur hervor außer ökologischen SF-Trash à la Frank Schätzings "Der Schwarm“? Bedürfen Umweltschutz und gesellschaftliche Fantasie einer literarischen Darstellung?

Oder liegt es am Paradigma selbst? Der Philosoph Hans Blumenberg, Chefanalytiker in Sachen metaphorisches Sprechen von Grenzbegriffen wie "Welt“ oder "Umwelt“, notierte einmal zum Wort "Schutz“: "Und dann wurde immer mehr "geschützt“, dazu noch: immer mehr vor immer denselben. Das Blut und die Ehre und der Wald … Der vertraute Schutzmann betrat die Häuser, statt an den Ecken zu stehen.“ Umweltschutz, eine Erfindung der Nazis? Wir kennen deren "Landschaftswart“, und Blumenberg geht auch nicht ganz so weit: "Es würde den "Schutzmann“ nicht mehr geben, dafür ein Volk von "Schützern“.

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