Germanistik & Geschichte

Dichter für Durchbeißer

Die Autorin hat ihre Dissertation Aspekten des Werks von Jean Paul gewidmet. Hier stellt sie ihn kurz vor

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 1/13 vom 24.04.2013

Johann Paul Friedrich Richter, der aus Bewunderung für Rousseau seinen Namen in Jean Paul französierte, beschrieb das Ereignis seiner Geburt vor 250 Jahren so:

"Es war im Jahr 1763, wo der Hubertusberger Friede zur Welt kam und gegenwärtiger Professor der Geschichte von sich; - und zwar in dem Monate, wo mit ihm noch die gelbe und graue Bachstelze, das Rotkehlchen, der Kranich, der Rohrammer und mehre Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, nämlich im März; - und zwar an dem Monattage, wo, falls Blüten auf seine Wiege zu streuen waren, gerade dazu das Scharbock-oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, desgleichen der Ackerehrenpreis oder Hühnerbißdarm, nämlich am 21ten März; - und zwar in der frühesten frischesten Tageszeit, nämlich am Morgen um 1½ Uhr; was aber alles krönt, war, daß der Anfang seines Lebens zugleich der des damaligen Lenzes war."

Obwohl - q. e. d. - enorm schwierig zu lesen, ist Jean Paul dennoch ein moderner Dichter: er war der erste freischaffende Autor. Er war keinem Fürsten verpflichtet und konnte sich daher ein Ausmaß an Kritik erlauben, das dichtenden Amtsträgern wie Goethe oder E.T.A. Hoffmann verwehrt blieb. Versucht hatte das vor ihm zwar schon Lessing, doch Jean Paul war der erste, dem es gelang - wenn auch um den Preis, dass die Familie teils in Armut lebte.

In jungen Jahren schrieb er Satiren; sein erster Roman, "Die Unsichtbare Loge", erschien 1793. Es ist die Geschichte des Knaben Gustav, der die ersten acht Lebensjahre unterirdisch verbringt. Den Druck des Werks hatte Karl Philipp Moritz ermöglicht. Mit dem Nachfolger, dem tränenreichen Roman "Hesperus", wurde Jean Paul 1795 berühmt. Die Folge? Glühende Verehrerinnenbriefe. Er liebte es.

Sein Thema war die feudale Dekadenz der Duodez-Fürsten des Reiches. Fürst Jenner im "Hesperus" ist so einer, und wie so viele Fürsten leidet auch er an der Hypochondrie, an der Jean Paul nicht nur verhasste Romanfiguren leiden lässt, sondern mitunter auch sein Erzähler-Alter-Ego "Jean Paul"(nicht mit dem Autor ident!).

Jean Paul wird mit Kleist und Hölderlin - wenngleich nicht im Ausmaß von deren Bedeutung - in der Literaturgeschichte "zwischen Klassik und Romantik" verortet.

Doch ironischerweise geriet ihm der "Titan" (1800-1803), jenes Werk, mit dem er radikale Kritik an der Klassik üben wollte, indem er etwa der starren Figur des Don Gaspard die Gesichtszüge Schillers und den Sprachduktus Goethes verlieh, ungewollt zu seinem "klassischsten" Werk, und das nicht bloß der Italienreisen wegen, die im Roman gemacht werden.

Jean Pauls ursprüngliche Bewunderung für Schiller hatte nach dessen Abkehr von der Französischen Revolution und Hinwendung zur Ästhetik in Ablehnung umgeschlagen, und Goethe hatte sogar, nachdem Jean Paul Weimar besuchte, ein Gedicht mit dem Titel "Der Chinese in Rom" verfasst. - So muss der Bayer auf den Klassik-Titanen gewirkt haben.

Jean Pauls Anderssein zeigt sich nicht zuletzt im Kleinen. So heißen Textabschnitte bei ihm selten Kapitel, sondern "Zykel","Sektor" oder "Hundposttag" (weil ein Hund dem Erzähler-Ich täglich einen Brief mit Anweisungen für den Handlungsverlauf bringt). Lediglich im letzten Roman, dem Fragment gebliebenen "Komet" (1820-1822), finden sich "Kapitel", ebenso im "Siebenkäs"(1796/97), seinem heute bekanntesten Werk. (Siehe die Erwähnung in Thomas Bernhards "Auslöschung"!)

Das Personeninventar von Jean-Paul-Romanen übertrifft fast jenes von Doderers Romanen, die Figuren sind oft nur mit Mühe auseinanderzuhalten (wie die drei Verlobten des Helden Albano im "Titan"), was auch daran liegt, dass Figuren oft mehrere Namen haben, die der Autor abwechselnd gebraucht. So tritt der Held im "Hesperus" wechselweise als "Viktor","Sebastian" und "Horion" auf.

Was ihn weiters modern macht, ist die Intertextualität seines Werks. Manche Figuren treten in mehreren Texten auf, und es gibt Bezüge auf Handlungsdetails in anderen Texten. Allein das macht Jean-Paul-Lektüre zu einem Erlebnis.

Jean-Paul-Anfängern sei zu den Idyllen geraten, etwa dem "Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal" oder "Quintus Fixlein" (beide Reclam). Idylle, das ist nach Jean Paul übrigens vor allem eines: "Vollglück in der Beschränkung."

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