Haidingers Hort der Wissenschaft

Blutwäsche

Martin Haidinger | aus HEUREKA 1/13 vom 24.04.2013

Mori! Mori!" ruft die Tosca in Puccinis nach ihr benannter Oper, nachdem sie dem abgrundtief fiesen Polizeichef Scarpia, der dabei war, ihr vom Geliebten bis zur Ehre alles zu nehmen, das Messer in den Leib gerammt hat.

"Erstickst du nun im Blut?" kreischt sie ...

"... Er ist tot!

Nun vergebe ich ihm!"

Ein grausigschöner Dreischritt, direkt wildromantisch: Übeltat und Ehrverletzung - Sühne durch Blutvergießen -Rehabilitation und Vergebung.

Das Spiel mit der Ehre ist freilich viel älter als der italienische Belcanto, und sein Ursprung mag in Philosophie wie historischer Sozialwissenschaft gleichwohl beim guten Aristoteles wie bei den auf ihren Bärenhäuten zu beiden Ufern des Rheins liegenden Germanen festzumachen sein. Doch bin ich überzeugt, dass es schon bei den noch älteren Altvorderen in brodelnden Urzeiten diese Form der Blutwäsche gegeben hat.

Denn selbst in jenen Tagen, da man Menschen nur bei lebendigem Leibe im Kampf oder auf der Richtstatt, nicht aber post mortem zu Zwecken medizinischer Forschung aufschneiden durfte, war klar, dass diese (wie spätere Wissenschaft herausfand) hämoglobingerötete Suspension den "Saft des Lebens" darstellte, der zu vergießen war, wenn es galt, Schmach und Schmerz zu sühnen.

Die Funktion des Blutes beim Opfer ist ebenso bekannt, und wie wichtig es im transsubstanziellen Sinn auch heute noch ist, kann vor allem an jenen Zeitgenossen bemerkt werden, die allsonntags in den katholischen Kirchen dieser Welt das Wunder von der Blutwerdung Christi miterleben, und oft in höchster Irritation gegen den Wahlmistelbacher Hermann Nitsch protestieren, bei dessen Kunstaktionen eimerweise Blut oder ein rotes Surrogat verpritschelt wird. Mit Blut spiele man nicht, meinen sie, selbst wenn es von Schweindeln und Rindviechern und nicht vom Menschen gezapft wurde.

Und wenn wir grad vom Kannibalismus reden, wäre wohl -wie ein Zyniker unlängst an einem Heurigenbuffet stehend bemerkte - die einzig humane Form der Menschenfresserei der Genuss einer Blunzen aus Blutspenden von zur Ader gelassenen, durchaus quietschlebendigen Personen. Dann, Meister Zynikus, dann schon lieber Pferdelasagne

Ach ja, da war noch die Ehre: "Die Schmach muss abgewaschen werden - mit Blut!" will der wütende Herr Major im Lustspiel "Pension Schöller" den von Maxi Böhm verkörperten Ladislaus Robicek zum Duell fordern. "Blut hamma blöderweise keins", antwortet Robicek. "Aber prima Toiletteseife "

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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