Lässt Frauenblut Blumen welken?

In der Medizin spielt Menstrualblut immer schon eine wichtige Rolle. Wozu es gut ist, wusste lange niemand

Sonja Burger | aus HEUREKA 1/13 vom 24.04.2013

Menstruierende Frauen seien unrein - ihr Menstrualblut enthalte giftige Substanzen, die Blumen vorzeitig verwelken lassen und dazu führen, dass Hefeteig schlechter aufgeht. Derartige Annahmen hielten sich im Volksglauben und in der Volksmedizin zwar lange, beeinflussten die gängige Medizin aber kaum.

"Von der Antike bis Mitte des 19. Jahrhunderts dominierte unter Medizinern in Europa die These, dass die monatliche Blutung für die Gesundheit wichtig ist. Überschüssiges Blut wird ausgeschieden, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen", erklärt die Historikerin und Medizinerin Sonia Horn von der MedUni Wien.

Wie tief der Volksglaube vereinzelt offenbar dennoch saß und dass er in Ausnahmefällen sogar in medizinischen Fachkreisen Zuspruch fand, beweist eine medizinhistorische Randnotiz: Die vermeintliche "Entdeckung" des Menstrualgifts "Menotoxin" durch den Wiener Kinderarzt und Immunologen Béla Schick (1877-1967).

Forschung "bestätigt" Volk

Zwischen 1912 und 1923 war Béla Schick Assistenzarzt an der Wiener Universitäts-Kinderklinik und wurde später für die Entwicklung des Tests zur Erkennung von Diphtherie ("Schick-Test") bekannt. Die Historikerin Martina Gamper berichtet, dass ihn folgende Beobachtung neugierig machte: Schnittblumen, die von einer menstruierenden Frau berührt wurden, verwelkten vorzeitig.

In der Folge führte er im Jahr 1919 weitere Versuche durch, um die aus dem Volksglauben stammende Annahme, dass Schweiß und Menstruationsblut eine giftige Substanz enthalten, zu prüfen.

Die Vorgehensweise sei laut Gamper aber alles andere als wissenschaftlich gewesen. Im Mai 1920 erschien in der Wiener Klinischen Wochenschrift sein Aufsatz "Menstruationsgift". Trotz der fragwürdigen Versuche seien seine Ergebnisse von den Fachleuten zunächst nicht zerpflückt worden.

"Nicht wenige Gynäkologen fühlten sich in ihrer Annahme über die Giftigkeit des Menstrualbluts sogar bestätigt", stellte Martina Gamper fest. Der Aufsatz löste eine Debatte über die Existenz von Menotoxin aus und führte zu weiteren Versuchen; entweder um Schicks These zu bestätigen, oder zu entkräften. Erst 1958 widerlegte Karl Johann Burger von der Universitätsfrauenklinik Würzburg endgültig die Existenz eines Menstrualgifts.

Von Nahrung bis Reinigung

Woraus das Menstrualblut tatsächlich besteht und welche Funktion es hat, war lange Zeit unbekannt - man behalf sich mit Beobachtungen und Erfahrungswerten. "Man stellte sich vor, dass sich das Menstrualblut in der Gebärmutter sammelt. Wird die Frau schwanger, ernährt das Blut das ungeborene Kind, womit man sich auch die schlechte Gerinnung von Menstrualblut erklärte", erläutert Horn. Während der Stillzeit werde das angesammelte Blut vom Körper dann in Muttermilch umgewandelt und ernährte somit auch nach der Geburt das Kind.

Heute ist bekannt, dass Menstrualblut aus Gebärmutterschleimhaut und Blut besteht. "Die Blutung ist dazu da, um die Gebärmutter von der Schleimhaut zu reinigen, wenn es zu keiner Befruchtung kam", erklärt Martin Ulm, Gynäkologe und Oberarzt an der MedUni Wien. Nach einer Geburt dauern die Blutungen zur Reinigung der Gebärmutter, "Lochien" oder "Wochenfluss" genannt, sechs Wochen.

Über die Blutung könne man als Arzt auch Rückschlüsse auf den Hormonhaushalt, speziell einen Gestagenmangel, ziehen. Woher die Menstruationsschmerzen kommen, sei aber laut Ulm nach wie vor ein Rätsel.

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