Experte Axel Hofmann über die Nervosität am Blutmarkt

aus HEUREKA 1/13 vom 24.04.2013

Axel Hofmann ist Medizinwissenschafter und ökonom. Er hat zum Thema Patient Blood Management (PBM) neben einigen Buchkapiteln rund 30 wissenschaftliche Artikel in weltweit anerkannten Fachjournalen (mit)verfasst und war aktiv in internationale klinische und gesundheitsökonomische Forschungsprojekte eingebunden.

Herr Hofmann, warum wird das Thema Bluttransfusion in letzter Zeit so emotional diskutiert?

Axel Hofmann: Das Transfusionswesen hat sich zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig mit zehntausenden Arbeitsplätzen entwickelt. Es gibt Millionen Spender. Und hunderttausende Kliniker verordnen regelmäßig Transfusionen. Doch die in den vergangenen zehn Jahren massiv angewachsene Zahl klinischer Studien belegt, dass Bluttransfusionen einen signifikant negativen Einfluss auf Krankheitshäufigkeit und Sterberate haben. Das sind keine angenehmen Nachrichten für die Transfusionsmedizin.

Sie waren wesentlich an der Entwicklung von PBM beteiligt ...

Hofmann: Patient Blood Management wurde 2010 durch die Resolution WHA63.12 der Weltgesundheitsversammlung angenommen und sollte daher als wichtiger Behandlungsstandard moderner Gesundheitssysteme angesehen werden. Erste Fachbücher sind erschienen, in Kürze wird es auch das erste in deutscher Sprache geben. Herausgeber sind die Primarii für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Unikliniken von Frankfurt und Zürich und des AKH Linz.

Australien ist Vorreiter beim PBM ...

Hofmann: Australien ist das erste Land, das Transfusionsrichtlinien abgeschafft und durch umfangreiche PBM-Richtlinien ersetzt hat. Durch das westaustralische PBMProgramm wurde eine Transfusionsrate von etwa 25 pro 1000 Personen erreicht. Das ist nahezu um die Hälfte niedriger als in Österreich. Seither beobachten wir eine verkürzte Liegedauer der Patienten, und die Infektionsraten sowie die Behandlungskosten pro Eingriff gehen zurück.

Wo sehen Sie das Kernproblem der gegenwärtigen Debatte um die Transfusion?

Hofmann: Das Problem ist entstanden, weil ein bislang gut etabliertes Transfusionswesen durch neu gewonnene klinische Erfahrungen hinterfragt wurde. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite die Produzenten allogener Blutprodukte, die im guten Glauben gehandelt haben, und auf der anderen Seite die Kliniker als Produktverwender, die natürlich viel näher beim Patienten sind und zunehmend erkennen, dass der Outcome bei weniger Transfusion besser ist.

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