Was am Ende bleibt

Blut verschütten

Erich Klein | aus HEUREKA 1/13 vom 24.04.2013

Wir sehen einen Bombenanschlag, die Trümmer der Explosion, zerfetzte Kleidungsstücke, Spuren der Verwüstung und Blut. Entsetzen ist allen Beteiligten ins Gesicht geschrieben. Mit den schockierenden Nachrichten und sensationellen Bildern tritt auch der Medienkritiker auf den Plan, der die ethnische Dimension von Privatheit der Opfer und zurückhaltende Betroffenheit statt Voyeurismus einfordert. Obszönität der Berichterstattung lautet die Anklage. Warum eigentlich?

Blut erinnert uns mehr als jede andere Substanz an Verletzbarkeit und den Verlust körperlicher Integrität. Das Innerste wird nach außen gekehrt, Gewalt und Fragilität des Leibes zerfließen in einer puren Farbe. Diese Farbe findet sich schon in der Höhlenmalerei, in vorzeitlichen Zaubersprüchen ("bluat ze bluada"), die Verwandlung von Wein in Blut wurde vom Christentum zum Weltsymbol erhoben.

Europas Geschichte lässt sich auch als eine der Wandlungen des christlichen Schmerzensmannes am Kreuz beschreiben. Sei es das Geschäft mit Reliquien, seien es Kulte und perverse Riten - immer steht im Zentrum Blut! Wohl auch kein Zufall, dass in jenem Moment, als die Christus-Ikone ihre gesellschaftliche Wirksamkeit verlor, zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines der größten Blutbilder aller Zeiten ein Revival erlebte: der Gekreuzigte auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald. Ein weltumfassendes Massaker auf einem einzigen Leib.

Zu dieser Zeit war Blut eigentlich schon aus dem Feld öffentlicher Repräsentation verschwunden. Blutleer heißen denn auch die Skulpturen aller Klassizismen und Neoklassizismen, die heute die freien Plätze unserer Städte verstellen. Das Thema "Blut" überlebte allein in der Subkultur von Vampiren, Rassentheoretikern und "Blutschändern" aller Art. Zentrale Metapher des 20. Jahrhunderts zu sein, konnte Blut für sich nicht mehr beanspruchen - Asche, Feuer, Schnee und Eis traten an seine Stelle, elementare Gewalten, und vor allem industriell hergestellt.

Eine Ausnahme in diesem großen Spiel symbolischer Säfte stellt der österreichische Künstler Hermann Nitsch dar, dessen "Schüttbilder" kindlichen Aktionismus mit Versatzstücken vergangener Mythen verknüpfen. Allerdings ist Stierblut auf riesigen Leinwänden plus das "Orgienmysterientheater" kaum mehr als eine grausame Parodie auf den Kontext des vergangenen Jahrhunderts der Extreme.

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