Schreiben ist wie ein Schnitzelrezept zu lernen

Eva Müller, Trainerin für wissenschaftliches Schreiben, coacht Wissenschafter beim Verfassen von Publikationen

Anja Stegmaier | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Wissenschaftliches Schreiben in Naturwissenschaften und Medizin heißt das aktuelle Buch der Biologin, die selbst zehn Jahre wissenschaftlich gearbeitet hat. Sie sieht sich mit einem "rätselhaften Knackpunkt" konfrontiert: Die Universitäten bieten jungen Wissenschaftern meist keine Hilfestellung beim Schreiben.

"Forschen hängt aber mit Publizieren zusammen, denn nur so können Daten ausgetauscht und zitiert werden. Tatsächlich ist Publizieren genauso wichtig wie die praktische Arbeit selbst", sagt Eva Müller.

Aber nicht nur die Kommunikation in der Community ist existenziell, auch nach "außen" muss die Botschaft stimmen.

"Es werden mehr Anträge gestellt denn je, bei der Bank muss vorgesprochen werden, ein Großteil der Stellen sind drittmittelfinanziert." Hier brauchen wissenschaftliche Texte eine Dramaturgie, die Daten und Fakten zu einer Geschichte verstrickt und spannend macht. Das entscheidet, ob man für sein Projekt Aufmerksamkeit und Förderung gewinnt.

Durch Aufenthalte in den USA, Kanada und Deutschland hat die Trainerin den Vergleich. An englischsprachigen Universitäten wird der Nachwuchs vom ersten Tag an auf das Publizieren hin ausgebildet.

In Deutschland sieht es dagegen ähnlich schlecht aus wie in Österreich. Allerdings haben sich dort Schreibzentren etabliert, in denen Geplagte Beratung bekommen. Die gibt es in Österreich leider viel zu selten.

Das hat fatale Folgen: Junge Wissenschafter stehen oft bei der Diplomarbeit das erste Mal vor der Herausforderung, einen wissenschaftlichen Text zu schreiben - und sind überfordert.

Hinzu kommt ein Mythos, der oft von Doktoreltern vermittelt wird: "Als Wissenschafter kann man einfach schreiben, sonst ist man keiner."

Auch die Erwartung an einen selbst, "ich muss das alleine schaffen und darf erst das Ergebnis präsentieren", kann der Tod für eine rasche und gute Publikation sein. "Schreibe nie allein" ist daher einer der Grundsätze der Autorin.

Doktoreltern haben meist keine Zeit, um die Schützlinge zu unterstützen. "Diese Art der Betreuung ist veraltet und wird dem Alltag der Wissenschafter nicht gerecht."

Eva Müller empfiehlt jungen Wissenschaftern, sich in Kleingruppen zusammenzutun, sich auszutauschen und sich gemeinsam zumindest eine Stunde lang coachen zu lassen. Wichtig ist, sich bei jeder neuen Idee und nach jedem Schritt ein Feedback zu holen.

Aber auch etablierte Wissenschafter sind frustriert. Hier gibt es den Druck, viel zu publizieren, da die weitere Karriere stark davon abhängt. Die Vorbereitung des ersten Papers erleben viele als traumatisch.

Leider werden dadurch viele junge, talentierte Menschen von einer weiteren wissenschaftlichen Tätigkeit abgeschreckt. Denn dass es sich beim Verfassen wissenschaftlicher Texte um eine Technik handelt, die man wie ein Kochrezept lernen kann, sagt ihnen niemand. "Schreiben kann man aber lernen wie das Rezept für ein Wiener Schnitzel", erklärt Müller.

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