Sparkling Science und zitternde Vortragende

Beispiele für Kommunikation über die Wissenschaft, Vergnügen eingeschlossen

Claudia Stieglecker | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Sie müssen schon ins Fernsehen, sonst haben Sie mit Mathematik keine Chance", lässt der Mathematiker Rudolf Taschner ganz nebenbei in seinem Vortrag "Zwei Ziegen und ein Auto" fallen, während er ein Wahrscheinlichkeitsproblem sehr anschaulich erklärt.

Ich selbst wollte eigentlich nur kurz in den YouTube-Kanal von "math.space" reinschnuppern, aber schlussendlich sah ich mir das komplette, 50minütige Video an.

Auf einmal verspürt man Vergnügen beim Mathevortrag

Im Jahr 2002 hat Taschner gemeinsam mit seiner Frau und Kollegen von der Technischen Universität Wien "math.space" gegründet, um "Mathematik als kulturelle Errungenschaft einer breiten Öffentlichkeit mitzuteilen", wie er selbst sagt. In dem Veranstaltungsraum im Wiener Museumsquartier gibt es seither regelmäßig Vorträge und Workshops zu mathematischen Themen für Menschen vom Kindergarten- bis zum Erwachsenenalter.

In seinen Vorträgen kommuniziert Rudolf Taschner Wissenschaft kurzweilig und amüsant. Das ist kein Zufall: "Die Vorträge sollen den Besuchern Vergnügen bereiten", erläutert er. Die Zuhörer sollen den Inhalt zwar verstehen, den Anspruch, alle wissenschaftlichen Facetten eines Problems zu beleuchten, hat er in diesem Rahmen aber nicht: "Die Wissenschaft, die dahinter steckt, muss dabei nicht unbedingt als solche erkennbar sein."

Bis zu 30.000 Besucher im Jahr nutzen die Angebote von "math.space" - enorm, wenn man den, so Taschner, schlechten Ruf der Mathematik bedenkt. "Wir arbeiten daran, etwas in den Köpfen der Menschen zu ändern. Die Öffentlichkeit soll wissen, was Wissenschaft bedeutet."

Neue Formen der Wissenschaftskommunikation

Dieser Meinung ist auch Lutz-Helmut Schön, Professor für Didaktik der Naturwissenschaften und Leiter des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität Wien:

"Kommunikation der Wissenschaft ist ein Recht der Gesellschaft, auf finanzieller wie auf inhaltlicher Ebene." Die Tendenz, Wissenschaft populär darzustellen, sieht er positiv. Denn durch die höhere Aufmerksamkeit kann sich die Einstellung der Öffentlichkeit zur Wissenschaft verändern: "Die Menschen nehmen mit, dass sich Wissenschaft verständlich machen will."

Dies war nicht immer so, wie Martha Brinek, Leiterin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des BMWF, betont. Erst in den letzten Jahren sei das Thema vermehrt in den Vordergrund gerückt. Nicht zuletzt die vielen, unterschiedlichen Initiativen und Projekte, die vom BMWF unterstützt werden, machen dies deutlich: KinderUni, Sparkling Science-Projekte mit Schülern, math.space, Vienna Open Lab, Science Talk-Vorträge, "Lange Nacht der Forschung" und viele mehr.

"Das alles sind Projekte, die im Prinzip jeder Einzelne mit seinen Steuergeldern unterstützt", unterstreicht Brinek. Das Bewusstsein, dass Wissenschaft auch mit der Öffentlichkeit kommunizieren muss, habe lange Zeit gefehlt. "Wissenschaft wird jetzt sichtbar gemacht", sagt sie, "dadurch wird sie weniger abstrakt und greifbarer".

Zum siebten Mal die Wahl zum Wissenschaftsbuch des Jahres

Dabei heißt es manchmal durchaus auch klein anfangen: als die Wahl zum "Wissenschaftsbuch des Jahres" vor sechs Jahren ins Leben gerufen wurde, nahmen gerade einmal 4000 Menschen an der öffentlichen Abstimmung teil.

Dieses Jahr waren es bereits 27.000 Stimmen, die vier Siegerbücher wurden bei einer feierlichen Preisverleihung geehrt. "Die Kommunikation macht Wissenschaft immer mehr zum Alltagsgut", meint Martha Brinek. "Man muss sich dabei vor allen Dingen immer fragen, wie man denjenigen, den man erreichen möchte, gut abholen kann."

Wissenschafter zittern vor Vorträgen auf der KinderUni

Spezifische, adressatengerechte Weitergabe von Wissen nennt das Lutz-Helmut Schön: "Das erfordert auch eine bestimmte Form der Selbsterkenntnis, was sehr schwer ist." Oder, wie es Karoline Iber, Geschäftsführerin des Kinderbüros, das alljährlich die Wiener KinderUni veranstaltet, beschreibt: "Unsere Vortragenden sind im Vorfeld praktisch gezwungen, ihr Wissensgebiet und ihre Vortragsweise zu hinterfragen. Denn wenn der Vortrag nicht gut ist, bekommen sie es von den Kindern sofort zu spüren. Niemand geht entspannt in den Hörsaal hinein, alle haben zittrige Knie."

Zum elften Mal findet heuer im Juli die Wiener KinderUni statt. Neben der Universität Wien, der Technischen Universität, der Medizinischen Universität, der Universität für Bodenkultur und der Veterinärmedizinischen Universität öffnet heuer erstmals auch der FH Campus Wien den jungen Studierenden zwischen sechs und zwölf Jahren seine Pforten. Etwa 550 Vortragende halten zwei Wochen lang für 4500 Kinder Vorlesungen, Seminare und Workshops. "Unser Ziel ist dabei nicht die Vermittlung von Basiswissen wie in der Schule. Das Erlebnis steht im Vordergrund", betont Iber. Besonderen Wert wird darauf gelegt, auch Kinder einzubeziehen, die keinen Bezug zur Universität haben.

Die Kinder zeigen sich vom Angebot begeistert. Einen direkten Schluss auf ein späteres Studium kann man allerdings nicht ziehen. Iber: "Die KinderUni zeigt maximal eine Bildungsoption auf. Man kann sich dann vielleicht ein bisschen bewusster dafür oder dagegen entscheiden."

Science on Stage: Physik, Mathe, Biologie und Sprachen

Bewusst machen will auch die Initiative "Science on Stage": Lehrern aus ganz Europa und Kanada dient das Festival als Austauschplattform für Physik, Biologie, Mathematik und Sprachen. Über Good Practice-Unterrichtsbeispiele sollen sie sich gegenseitig motivieren, Kindern die Angst vor Naturwissenschaften zu nehmen.

Alle zwei Jahre können auf Landesebene Projekte von Lehrern aller Kindergarten- und Schulstufen eingereicht werden, aus denen eine Jury jene auswählt, die am internationalen Festival teilnehmen. Dort werden dann bis zu zehn Projekte prämiert - etwa ein Friedhof, den Kindergartenkinder in Schweden angelegt hatten, um das Leben und Sterben in der Natur miterleben zu können.

Ida Regl, Vorsitzende von Science on Stage Österreich, ist zweimal ausgezeichnet worden: "Die positiven Rückmeldungen und die Kommunikation mit Fachleuten, die durch "Science on Stage" möglich wurde, hat mich motiviert, weiterzumachen." Die ehemalige Volksschuldirektorin hat sich an ihrer damaligen Schule gemeinsam mit Eltern, Schülern und Lehrern vier Jahre lang fächer- und klassenübergreifend mit dem Thema Sonne und Planeten auseinandergesetzt. "Es werden generell eher langfristige Projekte eingereicht, in denen sich Lehrer und Schüler über mehrere Jahre mit einem Thema auseinandersetzen." Diese Langfristigkeit macht für Dorothea Born, Doktorandin am Institut für Wissenschaftsund Technikforschung der Uni Wien, durchaus Sinn: "Man erhält dadurch einen Einblick in die alltägliche wissenschaftliche Praxis, der realistischer ist." Das Vermitteln eines allzu spaßigen Bildes von Wissenschaft hält sie dagegen für bedenklich: "Es gibt in der Wissenschaft viel mehr Unsicherheiten als kommuniziert werden."

Oft stehen die Ergebnisse der Forschung im Vordergrund, der eigentliche Produktionsprozess wird selten kommuniziert. Ein grundsätzliches Verständnis dieses Prozesses ist aber notwendig, um Wissen auch hinterfragen zu können. "Das Weitergeben von Wissen muss immer ein Angebot sein, keine Manipulation."

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