Wissenschaftskommunikation - bitte was?

Ein Großteil der Kommunikation findet nur in den Wissenschaft en und nicht als Dialog mit der Öffentlichkeit statt . Ignoranz oder Unfähigkeit?

Werner Sturmberger | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse heutzutage für Furore sorgen, dann nur mehr selten in der Form eines Buches. "Journals", also wissenschaftliche Fachzeitschriften, haben das Buch im innerwissenschaftlichen Diskurs verdrängt. Verlage machen mittlerweile gute Geschäfte durch den Verkauf einzelner Artikel über das Internet.

Wissenschaftsverlage kassieren ab

"Bücher zählen nicht mehr. Online sucht man nach einzelnen Schlagwörtern. So verschwindet die Darstellung von Wissenschaft als kohärente Packages", erklärt Alice Vadrot, Politikwissenschafterin der ICCR-Foundation und Mitherausgeberin der Zeitschrift Innovation - The European Journal of Social Science Research. Ihre Erfahrung damit fällt zwiespältig aus: "Es ist schon toll, eine Zeitschrift zu machen. Aber es ist ein Markt geworden." Sie erzählt davon, dass einige renommierte Verlage dazu drängen, gefragte Themen zu lancieren. Umgekehrt versuchen Wissenschafter auch unausgereifte Artikel zu publizieren, um ihre eigene Marktposition zu verbessern oder Publikationsquoten zu erfüllen.

In diesem Dreieck aus Herausgeber, Wissenschafter und Verlagen sind die ökonomischen Gewinner schnell ausgemacht: "Geld machen die Verlage. Wir verdienen kaum Geld mit Publikationen. Seriöse Verlage zahlen zwar Tantiemen, die fallen aber kaum ins Gewicht. Die Wissenschafter müssen mitspielen. Sie halten die Maschine am Laufen, haben aber außer Prestige und Konkurrenzdruck nichts davon", sagt Vadrot und setzt fort: "Natürlich haben Wissenschafter auch ein Interesse daran, ihre Erkenntnisse an die wissenschaftliche Öffentlichkeit zu bringen. Ebenso klar ist, dass kommerzielle Verlage damit Gewinn machen wollen. Ohne kommerzielle Verlage wäre die Chance deutlich geringer, publiziert zu werden."

Publikation bestimmt Forschung

Die Publikation von Papers in Journals gewinnt immer mehr an Bedeutung und verändert die wissenschaftliche Praxis von Grund auf. Für Lisa Sigl, Wissenschaftsforscherin am Österreichischen Institut für Internationale Politik, ist das nicht nur in ihrem Alltag ersichtlich. Sie dissertierte mit einer Untersuchung über Arbeitskulturen in den Lebenswissenschaften, wo Dissertationen bereits meist "kumulativ" sind: "Das heißt, diese besteht aus drei Papers, die in Zeitschriften veröffentlicht werden und dann - versehen mit einer Einleitung und einer Zusammenfassung - die Dissertation ausmachen. Solche Formen der Publikationstätigkeit sind mittlerweile stark integriert in den Ablauf wissenschaftlicher Qualifikationen." Doch nicht nur die Form wissenschaftlicher Qualifikation, sondern auch die Fragestellungen der Forschung werden an diesen Publikationsdruck angepasst. "Man versucht halt immer auch publizierbare Pakete zu schnüren. Da die fast immer gleich groß sind, ist vielleicht manchmal der Raum, größere Fragen beantworten zu können, nicht da", führt Sigl aus.

Der Projektcharakter wissenschaftlicher Forschung würde aber auch dazu hinleiten, nur Fragen zu stellen, die auch in einem geförderten Zeithorizont beantwortbar sind. Projekte dürften aber so gut wie nie länger als drei Jahre dauern. Forschungsinhalte orientieren sich daher nicht nur an innerwissenschaftlichen Diskursen. Sie werden zunehmend auch durch Projektförderung und Publikationsfähigkeit bestimmt.

In der Publikationsmühle

Dies bringt auch für jene, die Papers und Artikel schreiben, große Umwälzungen mit sich. Die Menge der Publikationen und die Reputation der Journals, in denen man veröffentlicht, entscheiden vor allem bei jungen Akademikern über das wissenschaftliche und finanzielle Überleben. Problematisch ist dabei nicht das Publizieren an sich, sondern die Frequenz, mit der publiziert werden soll. Dazu Lisa Sigl: "Entstanden sind diese quantitativen Qualitätskriterien eher in naturwissenschaftlichen Fächern, wo Systeme eingeführt wurden, um wissenschaftliche Leistungen zu quantifizieren und, darauf aufbauend, Förderentscheidungen zu treffen."

Vonseiten des FWF wird darauf verwiesen, dass alle Förderentscheidungen auf qualitativen Gutachten basieren. So ganz glaubt man das in der wissenschaftlichen Community aber nicht. "Ich würde beim FWF keinen Antrag einreichen, wenn ich nicht bereits irgendwo ein oder zwei gute Artikel publiziert hätte", sagt Sigl.

Selbstausbeutung, um zu bestehen

Leistung wird vermehrt an der Menge von Publikationen gemessen. Und die entscheidet über die Besetzung universitärer Stellen oder die Vergabe von Fördermitteln. Dies lässt den Konkurrenz-, Arbeits- und Zeitdruck weiter ansteigen.

Sigl meint dazu: "Ich glaube, dass sich die Arbeitsverhältnisse dahingehend verändern, dass die Menschen zunehmend beginnen, sich selbst auszubeuten, um im System bestehen zu können." Alice Vadrot merkt an, dass es für Wissenschafter natürlich großartig ist, sich in Debatten einzuklinken und überhaupt wissenschaftlich arbeiten zu können.

Doch auch sie zweifelt daran, ob dies tatsächlich alles andere aufwiegt: "Möchte ich in diesem Spiel mitspielen? Das kann heißen, sich einerseits auf diesen ganzen Publikationsirrsinn einzulassen und/oder sich ganz klar einer Schule zuzuschreiben, einer Theorie oder einer Entwicklung." In der außeruniversitären Forschung gehe es um Durchführung anwendungsorientierter Projekte unter zeitlichem und finanziellem Druck. Für eine theoretische Durchdringung der Themen bleibe dabei kaum Zeit.

Nicht immun gegen Dummheit

Was Vadrot aber andeutet, ist, dass sich Wissen nicht bloß durchsetzt, weil es fundierter ist. Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle, gibt Michael Arnold, Philosoph an der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, zu bedenken: "Wissenschafter sind gegenüber der Macht nicht immun, leider nicht einmal gegen Dummheit. Aber die Wissenschaft als Institution mit ihren Disziplinen und ihrer Peer-Review hat das Ziel, Erkenntnisse zu produzieren. Sie ist an der Wahrheit interessiert - auch wenn sie in die Irre gehen sollte."

Für Vadrot erschließen sich all diese Aspekte in dem Konzept der epistemischen Selektivität. Sie geht davon aus, dass ein spezifischer sozialer Kontext empfänglicher für spezifische Inhalte, Kommunikationsmittel oder Ausdrucksformen ist als für andere. Forscher in diesem Kontext streben danach, sich in Debatten durchzusetzen und wollen, dass ihr Wissen beachtet und auch umgesetzt wird. Dazu stellen sie mehr oder minder bewusst Überlegungen über das Funktionieren dieses Kontexts an, um darin erfolgreich handeln zu können.

Wirkung auf die Politik

Erforscht hat sie dies im Rahmen ihrer Dissertation, die sich mit der Biodiversitätsdebatte beschäftigt. Der Begriff, der erst Mitte der Achtzigerjahre entstanden ist, meint als Artenvielfalt nicht nur die Vielfalt zwischen, sondern auch jene innerhalb der Arten - genetische Vielfalt - sowie die Vielfalt der Ökosysteme. Die Erhaltung der Biodiversität gilt als entscheidende Grundlage für das Wohlergehen der menschlichen Zivilisation. Die Umsetzung der Erkenntnisse der Biodiversitätsforschung blieb aber weitgehend aus. Auch in der breiteren Öffentlichkeit wird das Thema eher als Nebenschauplatz der Klimadebatte wahrgenommen.

Die auch dort umstrittene, aber gängige Inwertsetzung von Natur, etwa in Form von CO2-Zertifikaten -kontingentierte Luftverschmutzungsrechte -, fand Nachahmer in der Biodiversitätsforschung: Man begann die Kosten des Artensterbens zu bilanzieren, denn, so Vadrot: "Man glaubt, wenn man Politikern klar macht, dass man Natur einen monetären Wert geben kann, dass sie dann eher bereit sind, Politik zu implementieren." Dieser Zugang, wenngleich in der Scientific Community nach wie vor umstritten, begann sich tatsächlich in der Politik durchzusetzen, wo auch die Fördergelder liegen. Damit versucht sie zu verdeutlichen, dass Forscher ein Bewusstsein dafür ausbilden, dass jene Strategien erfolgreicher seien, die an dominanten Diskursen andocken können.

Gegen gelangweilte Gesichter

Wissenschafter kommunizieren jedoch nicht nur mit sich selbst, weiß Beatrice Lugger aus ihren Seminaren. Sie ist stellvertretende wissenschaftliche Direktorin am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation in Karlsruhe. Die Auslastung des Instituts legt nahe, dass viele Wissenschafter einen gewissen Nachholbedarf sehen - der Großteil kommt aus eigener Initiative.

Viele von denen, die ihre Seminare besuchen, berichteten, dass sie bereits mit fachfremder Öffentlichkeit über ihre Arbeit gesprochen hätten, sei es mit Journalisten, mit Laien oder Kindern am Tag der offenen Tür.

In den Seminaren geht es vor allem um Grundlagen der Wissenschaftskommunikation: Schreiben, Vorträge, Interviews, Social Media. Im Fokus steht dabei die Sensibilisierung für das jeweilige Publikum: "Es wäre widersinnig, ein Seminar nur mit Fokus auf eine Zielgruppe anzubieten. Es gilt vielmehr, ganz allgemein das Bewusstsein für eine zielgruppenorientierte Kommunikation zu schärfen: Also, dass man ein und dieselbe Nachricht für unterschiedliche Zielgruppen entsprechend verpackt."

Dies bedeutet, das Vorwissen des Publikums in der Sprachwahl zu berücksichtigen und klar und verständlich zu kommunizieren. "Gelingt das nicht, gibt es enttäuschte oder gelangweilte Gesichter", erklärt Heinz Oberhummer, Physiker der Wissenschaftskabarettisten Science Busters: "Menschen sind oft frustriert, wenn sie populärwissenschaftliche Veranstaltungen besuchen und dann einiges nicht verstehen. Diese sind für die Wissenschaft verloren, weil sie nun überzeugt sind, es sei für sie unverständlich."

Populärwissenschaftliche Irrtümer

Neben Klarheit in der Kommunikation gilt es aber auch zu überlegen, welches Wissen für wen relevant ist. Arnold sagt dazu: "Die Nachricht, aus der Perspektive der Wissenschaft sei etwas Wichtiges entdeckt worden, ist für niemanden außerhalb eines Forschungsinstituts interessant. Die zentrale Frage jeder Popularisierung von Wissenschaft ist: Kann die Zielgruppe mit dem Wissen etwas anfangen?"

Es gilt immer mitzudenken, welche Nachricht ein Gegenüber interessiert. "Fachkollegen begeistert etwas völlig anderes als eine junge Schülerin beim Tag der offenen Tür, die beim Forscher im Labor steht", sagt Beatrice Lugger. Und nicht jedes Wissen eignet sich für jedes Publikum, meint Markus Arnold. Er weist darauf hin, dass Menschen aktiv Wissen suchen, wenn es für sie Relevanz hat: "Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man jede wissenschaftliche Erkenntnis populär machen kann, wenn man nur die richtige Form und das richtige Medium dafür findet. Es ist eher umgekehrt: Bürgerinitiativen zeigen, dass sich Bürger aktiv mit Forschungsergebnissen auseinandersetzen und sich das nötige Wissen aneignen, wenn ihnen klar ist, dass dieses Wissen für sie wichtig und interessant ist."

Er betont aber auch, dass die soziale Seite des wissenschaftlichen Wissens nicht unterschätzt werden sollte. Oder, wie Martin Puntigam, Kabarettist und Conférencier der Science Busters, sagt: "Es ist wirklich erstklassiger Smalltalk-Stoff, mit dem man sich auf jeder Party wichtig machen kann, dass es nur so kracht."

Warum das sogar mit Themen gelingt, deren Relevanz sich nicht immer sofort aufdrängt, liegt laut Puntigam an der Zusammensetzung der Busters: "Wenn ich Werner Gruber und Heinz Oberhummer überreden hätte müssen, auf die Bühne zu gehen, wäre es viel schwieriger gewesen. Aber da beide sich schon ins Rampenlicht gedrängt und nur noch jemanden gebraucht haben, der ihnen die Gesetze der Bühne beibringt und Witze zu ihren Expertisen erfindet, war es viel leichter."

Nichts wissen heißt glauben

Puntigam lässt keinen Zweifel daran, dass der Hintergrund des Wissenschaftskabaretts nicht unernst ist: "Unser Motto, das wir Marie von Ebner-Eschenbach verdanken, verdeutlicht den Mehrwert. Es lautet: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Je mehr Menschen wissen, je leichter zugänglich und verständlich Information und Aufklärung sind, desto weniger Angst brauchen Menschen haben, desto schwieriger ist es, ihnen jeden Unsinn einzureden, sie einzuschüchtern und auszunehmen."

Die Kommunikation von Wissenschaft dient nicht nur der Aufklärung der Menschen durch, sondern auch über Wissenschaft. Werner Gruber, Physiker bei den Science Busters, meint dazu: "Wissenschaftskommunikation, wie wir sie betreiben, kann zeigen: Wissenschaft ist kein geheimes Gebiet, in das sich nur Eingeweihte wagen dürfen, sondern sie ist für alle da. Wir alle profitieren von ihr, und schließlich wird sie ja auch von der Allgemeinheit bezahlt."

Auch für Lugger geht es darum, den Dialog über Wissenschaft wieder in einer breiten Öffentlichkeit zu führen: "Wissenschaft prägt die Gesellschaft und insofern ist es wichtig, dass diese Gesellschaft von Anfang an grundlegenden Fragen beteiligt wird: Was wird eigentlich geforscht und was wünschen wir uns eigentliche für eine Forschung?"

Einen Beitrag dazu wird das Internet leisten, sind sich Arnold und Lugger einig. Das Netz bietet Möglichkeiten, Wissenschaft etwa über Videos anschaulich und niederschwellig zu erklären, soziale Netzwerke würde es auch erleichtern, junge Menschen zu erreichen, so Oberhummer. Als Indiz für diesen Trend kann der von der 23-jährigen Physikerin Elis Andrew betriebene Facebook-Blog "I Fucking Love Science" gelten. Er behandelt unterschiedlichste Themen der Naturwissenschaften und hat mittlerweile mehr als 5,1 Millionen Fans.

Kommunikation braucht Können...

Was hält Wissenschafter davon ab, all die neuen Kanäle zu nutzen? Einerseits sind es fehlende Kompetenzen, wie Lugger andeutet. Wissenschaftskommunikation werde in der Ausbildung noch immer stiefmütterlich behandelt. Andererseits liegt dies aber auch im wissenschaftlichen Wertesystem begründet: Zeit, die nicht für Forschung und Publikation verwendet wird, ist verlorene Zeit - nur in Journals veröffentlichte Papers sind wertvolle Kommunikation, auf die Beteiligung an öffentlichen Debatten trifft dies daher nicht zu.

In europäischen Projekten wird Öffentlichkeitsarbeit vermehrt eingefordert. Dies funktioniert vor allem in gut budgetierten Projekten, die über Infrastrukturen und Ressourcen verfügen. Die damit oft einhergehende Professionalisierung der Öffentlichkeitsarbeit in Form von Wissenschafts-PR löst das Problem mangelnder Kommunikation aber nicht. Arnold erklärt dies so: "Das Besondere der Wissenschafts-PR besteht darin, dass hier die Wissenschaft selbst meist gar nicht im Mittelpunkt steht, sondern eher der Name des Forschers oder - noch öfter - der Name der Forschungsinstitution bzw. des Forschungsförderers."

... und darüber hinaus auch Zeit

Letztlich ist Wissenschaftskommunikation eine Frage vorhandener Zeitressourcen. "Überspitzt gesagt", meint Lisa Sigl, "wenn die eigene Karriere eher davon abhängt, dass ich immer mehr und immer schneller Publikationen schreibe, dann werde ich nicht freiwillig Wissenschaftskommunikation betreiben, wenn es nicht von mir verlangt wird". Es müsste daher darum gehen, den Arbeitsanfall der Wissenschafter so zu reduzieren, dass diese in die Lage versetzt werden, selbst Wissenschaftskommunikation betreiben zu können. Bei massivem Zeit-und Publikationsdruck ist es nur verständlich, wenn Wissenschafter davon Abstand nehmen, sich in öffentliche Debatten einzumischen.

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