Brief aus Brüssel

Emily Walton | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Die EU-Kommission hat dieser Tage verkündet, dass sie das Leben der europäischen Bürger vereinfachen möchte, und zwar, indem Dokumente (Geburts-, Heiratsurkunden oder Meldezettel) künftig EUweit anerkannt werden. Vielleicht soll es irgendwann sogar standardisierte, mehrsprachige Formulare geben, die nationale Urkunden ersetzen.

Eine Neuregelung der Dokumente. Das mag auf Anhieb nicht besonders sexy klingen, auch könnte der eine oder andere sich fragen, was daran "lebensvereinfachend" ist.

Zur Veranschaulichung daher ein paar selbst erlebte Beispiele: Als ich (gebürtige Engländerin, seit 20 Jahren in Österreich) im Vorjahr einen Österreicher heiraten wollte, verlangte der Standesbeamte Meldezettel, Pass, Geburtsurkunde.

Ich hatte die Dokumente ordentlich zurechtgelegt und überreichte ihm meine Klarsichthülle. Er zog meine Geburtsurkunde, ein quadratisches Schriftstück, heraus. Zugegeben, meine Geburtsurkunde ist schon etwas verblichen. Sie ist immerhin 30 Jahre alt. Der Standesbeamte hielt das Dokument hoch und runzelte die Stirn. Er sagte etwas von "Kaszettel" und dass dieser "Wisch" wohl beim besten Willen keine Geburtsurkunde sein könne. Aber es war nicht das Urteil des Beamten, das zählte, sondern die offizielle Beglaubigung: die Apostille.

Ich musste meine Urkunde (das Original!) nach England schicken, zudem einen Betrag von rund 60 Euro überweisen und dann zittern, ob ich das Schriftstück je wiedersehen würde. Es klappte, ich bekam den roten, siegelähnlichen Aufkleber. Die zuständigen Stellen haben Übung: jährlich werden 1,4 Millionen Dokumente in der EU beglaubigt. Zurück also zum Standesbeamten, der mir nun endlich erlaubte zu heiraten.

Kurz darauf mieteten wir eine Wohnung in Brüssel. Ein Konto musste eröffnet werden, um die Kaution zu hinterlegen. Doch: Kontoöffnung verlangt Meldebestätigung. Die österreichische. (Wie sollten wir denn eine andere haben?) Der Meldezettel wurde von Wien gefaxt, in Brüssel aber nicht anerkannt.

Die Belgier glaubten, das Datum der Meldung, Juli 2010, sei der Tag, an dem wir uns in Wien abgemeldet hätten. Verwirrung auf der ganzen Linie, selbst der deutschsprechende Bankbeamte konnte lange nicht für Klärung sorgen.

Eine vernünftige EU-weite Anerkennung von Dokumenten kann also allen nur Zeit und Nerven sparen. Und das Leben vereinfachen.

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