Mit Handkuss finanziert bekommen

Berühmte Wissenschafter wie Josef Penninger haben PR-Agenturen, weil sie sonst zu selten in Medien vorkommen. Wissenschaftsjournalisten kommen mit ihren Storys zu wenig zum Zug

Dieter Hönig | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Laut einer deutschen Medienanalyse rangieren Health-Science-Themen an zweiter Stelle in der Beliebtheit beim Medienpublikum, weit vor Kultur und Politik, aber deutlich hinter Sitcoms, Soap Operas und Gossip. Für den Molekularbiologen Josef Penniger, Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie IMBA, ein Indiz dafür, was die Seitenblicke-Gesellschaft will: "Dass jemand aufs Gesicht fällt und man dabei zusehen kann."

In Nordamerika, wo Penninger seine wissenschaftlichen Wurzeln hat, ist es für Medien eine Selbstverständlichkeit, die Öffentlichkeit über Forschung zu informieren. Er hat daher auch an seinem Wiener Institut von Beginn an seine eigene PR-Abteilung installiert.

"Wichtig ist, seine Ziele nie aus den Augen zu verlieren, sonst wirst du in der heutigen Medienlandschaft sehr schnell verbrannt und uninteressant." An der Akademie der Wissenschaften und den Universitäten wird oft Top-Wissenschaft gemacht, nur wisse das bei uns leider niemand, bedauert Penniger.

Warum Wissenschafter publizieren

Roland Burkart, Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, sieht es ähnlich: "Ohne PR, verstanden als pro-aktive Kommunikationsleistung mit dem Ziel der Selbstdarstellung, kommt heute nichts mehr an die Öffentlichkeit. Wir leben in einer News-overload-Society, haben also das Problem der Fülle. Journalisten wählen aus, gehen selten von sich aus an Themen heran."

Setzt sich also nur mehr das durch, was mit besonders viel Nachdruck an Medien herangetragen wird? Die Ausnahme sieht Burkart in den berühmten bad news, denn auch die gibt es in der Wissenschaft, nämlich dann, wenn sie sich mit Politik paart - siehe "Lobbystan forte"(von Florian Klenk in Falter 17/2013).

Grundsätzlich gilt auch für Wissenschafter: Wer sich nicht selbst rührt, wird nicht gehört. Erstens forschen und publizieren Wissenschafter vor allem für die Wissenschaft, also für andere Wissenschafter. Es geht um Karriere, Studienabschluss und Anerkennung in der Wissenschaftscommunity, um Berufungen, sprich die Besetzung von Posten, um Forschungsaufträge, um Peers, die das Eingereichte reviewen und über die Bewilligung von Fördersummen entscheiden. Es geht also letztlich auch ums Geld.

Was aber ist mit der Öffentlichkeit?

Öffentliche Anerkennung sei in der Wissenschaft kein Karrieremotor, bekommt man oft zu hören. Es sind nur fast alle Universitäten sowie andere Forschungseinrichtungen oft auch öffentlich-rechtliche Institutionen, leben also vom Staat, sprich vom Steuergeld und haben somit die Verpflichtung, der Allgemeinheit zu erklären, was sie tun. Forschungsinstitutionen wie der FWF, der WWTF, Nationalbank und Ministerien drängen auf öffentliche Zugänglichkeit des produzierten und von ihnen mitfinanzierten Wissens.

Viele Wissenschafter arbeiten zudem eng mit der Industrie, wie etwa den Pharmafirmen zusammen, da läuft parallel dazu die PR-Arbeit. "Klar, dass die Penningers so was haben und auch mit Handkuss finanziert bekommen", sagt Burkart und meint, man solle diese Zusammenarbeit sogar noch intensivieren, da die Wissenschaftsberichterstattung ohnehin ein Stiefkind des Journalismus ist. Natürlich liefern Agenturen zumeist professioneller als Wissenschafter gut aufbereitetes Material.

Recherche statt PR-Material

Eher distanziert und skeptisch sieht hingegen ORF-Wissenschaftsjournalist Andreas Novak diese Form der Wissenschaftskommunikation: "Die Themenauswahl orientieren wir beim ORF an essenzieller Redaktionsrecherche und nicht am Angebot von PR-Agenturen. Profunder und kritischer Wissenschaftsjournalismus pflegt Distanz zum Gegenstand der Berichterstattung, prüft gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Essenz und Relevanz. Das beste Marketing und Selbstmarketing für Wissenschaft und Forschung wäre die Steigerung der Forschungsquote am BIP."

Was sollten Journalisten also beachten, um sich von PR nicht instrumentalisieren zu lassen? "Unbedingt die Quellen beachten, also recherchieren, wer dahinter steckt, welche Interessen im Spiel sind. Der Journalist sollte grundsätzlich zweifeln an dem, was ihm da so alles begegnet. Es gibt keine Information in der Wissenschaftskommunikation ohne dahinter stehende Interessen", sagt Roland Burkart.

Ebenso der Vorsitzende des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten, Oliver Lehmann: "Egal, ob Presseaussendungen von Universitäten, Forschungsgruppen, Fördereinrichtungen, Ministerien oder PR-Agenturen, alle verfolgen sie Interessen. Je transparenter das Anliegen offengelegt wird, desto besser."

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