Haidingers Hort der Wissenschaft

Verständlich

Martin Haidinger | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Schon einmal hat der Autor an dieser Stelle das Bild vom Erbonkel bemüht, den es gilt, mit kluger Vorgangsweise zufriedenzustellen. Erben ist ja einem Gerücht zufolge hierzulande die einzige Möglichkeit, zu nennenswertem Vermögen zu gelangen, was einiges an Opfern erfordert. Nicht nur Donald Duck muss an seinem Altvorderen Dagobert bitter erfahren, dass der grantige Erboheim Tag und Nacht bei Laune gehalten sein will

Heute nun soll unseren guten Onkel seine liebe Nichte aushalten, die als junge Wissenschafterin in einem der weithin gepriesenen exzellenten Forschungslabors des Landes arbeitet. "Na, teure Nichte!", salbadert eines Tages der alte Geldsack und zwingt die Verwandte neben sich auf die Couch. "Erzähl mir einmal, was du da so machst alle Tage in deiner Gelehrtenklause!"

So niedlich einfach die Frage, so riskant die Antwort, denkt die Nichte. Denn reich wird sie mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit in der Grundlagenforschung allein wohl niemals werden - und demnach auf die Schätze des Alten angewiesen sein. Wie aber soll sie ihm die höheren bzw. tiefen Geheimnisse der Biochemie vermitteln?

Gibt sie gleich von vornherein auf und verweigert sich - enterbt er sie, weil er es nicht schätzt, keine Antwort zu bekommen. Sagt sie: Onkel, das verstehst du nicht, das ist zu kompliziert - enterbt er sie, weil er es hasst, für dumm erklärt zu werden. Verfällt sie auf die naheliegende Lösung, in Kindersprache ein paar Plattitüden zu erzählen und ihn so abzuwimmeln - enterbt er sie, weil er sich nicht veräppeln lassen will. Erklärt sie ihm alles haarklein in aller Pracht ihrer Fachsprache - enterbt er sie, weil er es tatsächlich nicht kapiert und denkt, dass etwas, das ihm so gar nichts sagt, wohl zu nichts nütze sein könne und seine Unterstützung nicht verdiene. Fängt sie an, ihn sachte in das Wesen aller Dinge einzuweihen und nach und nach an des Pudels Kern heranzuführen - enterbt er sie, weil das so lange dauert, dass er ungeduldig wird, bestenfalls einnickt.

Ein tiefer Nichtenseufzer, aber es hilft nichts! Es wird der Wissenschafterin wohl nichts anderes übrig bleiben, als dem Oheim in konziser, packender Form zumindest in Streiflichtern den Charakter ihrer Forschung darzulegen und schlüssig zu erklären, warum sie tut, was sie tut. Das strengt an, bringt aber das Vertrauen des Onkels und letztlich seine Unterstützung sowie - Zweck der Übung - sein Geld.

Hoppla, eigentlich wollte ich hier etwas über meine Vorstellung von geglückter Kommunikation von Wissenschaft nach "außen" zum Besten geben. Hat sich aber erledigt: Ersetzen Sie einfach den "Onkel" durch die "Gesellschaft" und die "Nichte" durch die "Fachwelt" und Sie wissen sofort, was ich meine.

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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