Biologie

Kinder gestresster Rothorn-Mütter wachsen schneller

Das Gemeine Rothörnchen lebt in den Wäldern Nordamerikas und sieht den hiesigen Eichhörnchen ähnlich

Jochen Stadler | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Wenn es im Wald gerammelt voll wird, haben schwangere Rothörnchen das Blut voller Stresshormone. Davon bekommen offensichtlich auch ihre Jungen in der Gebärmutter etwas ab, denn sie beeilen sich nach der Geburt mit dem Großwerden. Das erhöht ihre Chancen, trotz großer Konkurrenz den ersten Winter zu überstehen und das Erwachsenenalter zu erreichen, berichtet ein internationales Team mit österreichischer Beteiligung in der Fachzeitschrift Science.

Das Gemeine Rothörnchen lebt in den Wäldern Nordamerikas und sieht den hiesigen Eichhörnchen ähnlich. Es futtert am liebsten Fichtenzapfen. Sind im Herbst genügend davon vorhanden, wimmelt es im Frühling darauf nur so von Rothörnchen. Die Jungen, die nun geboren werden, müssen sich besonders schnell behaupten: Wenn sie bis zum Winter kein eigenes Revier erobert haben, haben sie keine Chance, ihn zu überleben.

Forscher um Ben Dantzer von der Michigan State University (USA) spielten einer Gruppe von schwangeren Rothörnchen per Playback das Geräusch vor, mit dem die Nager ihre Revieransprüche geltend machen: ein Rattern, das an die Ratschenkinder zur Osterzeit erinnert. Damit gaukelten sie ihnen dicht gedrängte Umstände vor. Eine Kontrollgruppe von werdenden Rothörnchen-Müttern bekam hingegen Vogelgezwitscher zu hören.

Bei den schwangeren Tieren, die sich von großer Konkurrenz umgeben glaubten, konnte Rupert Palme vom Department für Biomedizinische Wissenschaften der Veterinärmedizinischen Universität Wien höhere Mengen an Stresshormonen (Glukokortikoiden) nachweisen. Ihre Sprösslinge wuchsen schneller, obwohl sie nicht mehr Futter bekamen. Dasselbe galt für die Jungen von Rothörnchen, denen sie während der Schwangerschaft solche Hormone ins Futter mischten.

"Stresshormone haben oft einen schlechten Ruf, aber dies ist ein gutes Beispiel, dass sie wichtig für Organismen sind, um eine ernste Situation zu überstehen", erklärt Palme. Freilich sei es weniger gut, wenn die Dosis zu hoch ist oder man unter Dauerstress steht.

So hat auch der Hormonschub im Mutterleib Spätfolgen für die Jungen, denn sie werden nicht so alt wie Tiere, die in ihrer Jugend gemütlich und ohne großen Konkurrenzdruck gewachsen sind. Deswegen sei es wichtig, dass die Mütter ihre Sprösslinge nicht immer stressen, so Palme. "Wenn es nicht so viele Rothörnchen gibt, ist es besser, man wächst gemütlich und lebt länger, dann hat man sowieso sein Revier sicher", sagte er.

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