Urgeschichte & Gendertheorie sowie Numismatik

"I do this because I like it"

Timothy Taylor, Professor für Urgeschichte des Menschen an der Uni Wien, und sein weibliches Alter Ego Krisztina Tautendorfer

Uschi Sorz | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Im Elfenbeinturm wird man Timothy Taylor, Urgeschichteforscher und Gendertheoretiker, bestimmt nicht antreffen. "Wenn ich über die Kunst und das Theater des Paläolitikums rede, liegt es für mich nahe, selbst auch Theater und Kunst zu machen", erklärt er seine Haltung, sich vielfältigen Einflüssen zu öffnen und diese in sein Leben und wissenschaftliches Werk einfließen zu lassen.

Eines seiner Kernthemen sind Identitäten. Als Urgeschichteforscher betrachtet Taylor das Leben der Menschen, ihre Riten, ihre Abhängigkeit von Material über eine lange Periode. Geschlechterrollen seien seit Urzeiten Konstrukte und teilweise austauschbar, ist er überzeugt.

Dementsprechend ist der Brite ein vehementer Gegner essenzialistischer Betrachtungsweisen, die Männer und Frauen auf ihr biologisches Geschlecht festlegen. Darüber publiziert er in akademischen Schriften genauso wie in populärwissenschaftlichen Büchern (The Buried Soul, Prehistory of Sex, The Artificial Ape)."Wissenschaft hat die Pflicht, einen weiten Blick auf die Welt zu werfen und der Öffentlichkeit zu kommunizieren, was wichtig ist", sagt Taylor, seit November Professor an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Wien. Gemeinsam mit seiner Frau gibt er das Journal of World Prehistory heraus.

Über die Konstruktion von Identitäten spricht der 52-Jährige nicht nur, sondern entwickelt auch gleich seine eigenen, die er bei Tagungen oder Kunstperformances nach außen trägt.

Die Auffallendste davon ist sein weibliches Alter Ego Krisztina Tautendorfer. So hat Taylor/Tautendorfer in den letzten Jahren an drei von Hans Ulrich Obrist organisierten "Marathons" in London teilgenommen, zu denen der renommierte Kurator regelmäßig an die 50 Künstler und Intellektuelle einlädt, um Arbeiten zu einem bestimmten Thema zu zeigen.

Obwohl jedes Detail der Auftritte wohlüberlegt ist, geht es Taylor nicht darum, lediglich Crossdressing zu präsentieren, sondern um das offene Spiel mit Möglichkeiten und das Ausloten von Grenzen. "Natürlich ist nicht alles machbar", betont er. "Genauso wenig, wie ich Essenzialist bin, bin ich so relativistisch wie manche Queertheoretiker." Als Vater könne er zum Beispiel nicht Nicht-Vater sein. "Es geht mir nicht um Lösungen, sondern um Entdeckungen. Ich mag den Prozess." Eine fix und fertige Theorie, die eindeutig zu Menschenleben passt, gebe es sowieso nicht.

Provokation - ganz im Sinne seines Inspirators Ludwig Wittgenstein - liebt Taylor. "Wittgenstein provokes me to think", sagt er. "Lehrveranstaltungen hat er als Abenteuer gesehen und seine Ideen dabei lebendig entwickelt."

So möchte er seine Vorlesungen - derzeit etwa zu "Tod, Gender und Identität in der Urzeit" - auch gestalten. Wie sein Idol ist er der Meinung, dass Deutungen in Relation zum Kontext stehen müssen. Oder, wie Krisztina Tautendorfer in ihrer "Memory Marathon"-Performance in der Londoner Serpentine Gallery mit den Worten des Philosophen unterstreicht: "Auf die Denkbarkeit kommt es uns hier an, nicht auf die Wahrscheinlichkeit. Verstellen ist ja eben nur ein besonderer Fall, nur unter besonderen Umständen können wir ein Benehmen als Verstellung deuten."

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