Was auf die Felder kommt, ist sakrosankt

Der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf über die Stadtnatur, Ökologie als Ideologie, Nachhaltigkeit, Einhörner und Drachen

Interview: Ortrun Veichtlbauer und Erich Klein | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Josef H. Reichholf wurde 1945 in Aigen am Inn geboren. Der Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe war bis 2010 Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München und Professor für Ökologie und Naturschutz an der TU München. Er ist unter anderem Präsidiumsmitglied des deutschen WWF. Unter seinen zahlreichen Publikationen wurden "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends" und "Warum die Menschen sesshaft wurden: Das größte Rätsel unserer Geschichte" zu Bestsellern. Zuletzt erschienen: "Naturschutz: Krise und Zukunft", "Der Ursprung der Schönheit: Darwins größtes Dilemma","Einhorn, Phönix, Drache: Woher unsere Fabeltiere kommen".

Sie sind bekannt als streitlustig im Bereich Umwelt-und Naturschutz. Woher rührt die Lust an der Provokation?

Josef F. Reichholf: Freiheit der Wissenschaft muss auch praktiziert werden. Weil sie auf Forschungsgelder schielen müssen, ziehen es die meisten Kolleginnen und Kollegen vor, sich möglichst wenig mit mächtigen Interessengruppen anzulegen. Bei mir waren zwei Rahmenbedingungen günstig: Ich habe nie einer politischen Partei angehört, auch wenn ich zugebe, dass ich Hoffnungen hegte, als die Grünen seinerzeit antraten, die heute auch nur am Macherhalt interessiert sind. Zweitens: Aufgrund der Arbeit in einem Forschungsmuseum besaß ich größere Freiheit als an einer Universität, wo immer darauf geachtet wird, was für die Karriere schädlich sein könnte. Der direkte Kontakt mit der Bevölkerung im Museum bedeutete ein gehöriges Maß an Unabhängigkeit.

Viele Ausführungen des Zoologen und Evolutionsbiologen Reichholf klingen publikumstauglich und scheinbar paradox zugleich - Ihr Lob der Stadtnatur etwa.

Reichholf: Die Stadt galt lange Zeit als naturfern, denken Sie an Slogans wie Die Unwirtlichkeit der Städte aus den Fünfzigerjahren. Tatsächlich ist das Leben für viele Tiere und Pflanzen heute in der Stadt erträglicher als am Land. Dort finden wir immer mehr hochtechnologische Natur, die nur grün scheint. Die sogenannte Landluft wurde oft durch den Gestank von Gülle ersetzt.

Woher rührt eigentlich die Hysterie in Sachen Natur?

Reichholf: Das beginnt einerseits bei den Verdrehungen der Sprache: Politiker erklären gerne Wir haben ein Ökosystem erhalten, anstatt einfach zu sagen Wir haben den Wald erhalten. Eine befriedigende Antwort habe ich nicht, aber es gibt einige Aspekte dazu: Die Öko-Bewegung kam aus den USA und man begann das in den Siebzigerjahren nachzumachen, weil es modern war. Aufgrund der Entwicklungen in der Industrie, in der Bautätigkeit gab es dafür mehr als gute Gründe! Allerdings wurde die Öko-Bewegung bald zu einem Selbstläufer und vielen der Protagonisten war es nicht mehr möglich, ohne Gesichtsverlust zurück zu rudern. Wenn etwas zur Politik wird, ist das oft der Fall. Immer extremere Richtungen bekamen immer mehr Gewicht, die Vernünftigen sprangen ab oder zogen sich in Randbereiche zurück. Der beste Naturschutz wird heute von den Gruppen vor Ort gemacht und nicht von jenen, die auf globale Entwicklungen Einfluss nehmen wollen. Die Naturschutzbewegung ist ein Beispiel dafür, wie politische Bewegungen entstehen und Grenzen überschreiten.

Ökologie ist heute ein Herrschaftsinstrument, das ökologische Management einer Stadt ist zu einer Sache der Technokraten geworden.

Reichholf: Es ist eine Ideologie, die bis in den Nanobereich praktiziert wird: Alles, was messbar ist, und sei es noch so bedeutungslos, versucht man in die Praxis umzusetzen. Dabei werden aber andere Bereiche wie die Landwirtschaft nicht angetastet. Was dort auf die Felder kommt, ist sakrosankt, geschähe Vergleichbares in der Industrie, müssten die sofort schließen! Die Landwirtschaft ist eine heilige Kuh, wenn bei BASF minimal Schwefeldioxid entweicht, hören Sie es in den Abendnachrichten.

In letzter Zeit haben Sie eine mit "Ursprung der Schönheit" und "Einhorn, Phönix, Drache" Bücher zu kulturwissenschaftlichen Themen geschrieben. Genügt Ihnen die Biologie nicht mehr?

Reichholf: Ein Teil ergab sich aus meiner Forschungs-und Lehrtätigkeit - ich wollte über eigene Ergebnisse berichten. Befasst man sich als Zoologe mit der Vogelwelt und ist man in einem Museum tätig, ergeben sich zwangsläufig Themen von großer Bandbreite: Aspekte wie Schönheit kommen in die Betrachtung hinein. Wie kann es etwa sein, dass bestimmte Vögel mit einem äußerst prächtigen Gefieder ungestraft herumfliegen dürfen? Ich habe herausgefunden, dass bestimmte Vögel von ihrer Umwelt, die eigentlich Anpassung erzwingt, derart unabhängig geworden sind, dass sie einen bestimmten Spielraum haben. Diesen Spielraum sehen wir etwa im Prachtgefieder des Pfaues. Dazu lässt sich eine Reihe von Überlegungen anstellen - wir suchen uns eigene Welten, eine strikte Anpassung an eine bestimmte Umwelt gibt es gar nicht; wir haben sehr viele Freiheiten. Das erklärt auch, warum sich der Mensch so viel leisten kann, ohne von der Natur gestraft zu werden.

Was hat Sie an Fabelwesen wie Einhorn und Drache interessiert?

Reichholf: Es ist reizvoll, zeigen zu können, dass alle wesentlichen Fabeltiere einen konkreten lebendigen Ursprung hatten. Bei meinen Beispielen, dem Einhorn und dem Phönix, klappt das, beim Drachen klappt es nicht. Ich musste als Zoologe vor der Frage, ob es sich dabei um lebende oder ausgestorbene Echsen handelte, kapitulieren. Als Naturwissenschafter muss ich außerdem akzeptieren, dass meine Interpretation widerlegt werden kann; was nicht widerlegt werden kann, fällt in den Bereich des Glaubens und ist verdächtig.

Sie wurden 2007 mit dem Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. Eine Überraschung?

Reichholf: Ja, es hat mich überrascht, noch größer war aber die Freude, als ich erfuhr, dass sich als einziger Biologe unter den Preisträgern auch Adolf Portmann befindet, der für mich seit meiner Studentenzeit ein Vorbild ist. Portmann war für mich eine frühe Weichenstellung - in der Wissenschaft verständlich zu schreiben. Bei manchen Sätzen in Ökologielehrbüchern wird man ja geradezu verrückt!

Die Vermittlung von Wissenschaft, besonders von Naturwissenschaften, stellt aber nicht nur ein stilistisches Schreibproblem dar.

Reichholf: Jeder Wissenschafter jeder Universität müsste in der Lage sein, zu vermitteln, was getan wird und warum etwas getan wird. Mein Eindruck ist, dass amerikanische Universitäten deshalb so viele Stiftungsgelder bekommen, weil die amerikanische Wissenschaft viel mehr darauf ausgerichtet ist, ihre Forschungen nach außen zu vermitteln. Bei uns lernt niemand, wie man das macht. Angelernt wird, wie man an Drittmittel kommt und wie Anträge zu stellen sind. Klimawandel oder Waldsterben werden benutzt, um besser an die Futtertröge zu kommen. Das steht viel mehr im Vordergrund als der Austausch mit einer interessierten Öffentlichkeit.

Womit wir beim Schlagwort Nachhaltigkeit angelangt sind.

Reichholf: Was sich nur an momentanen, gerade aktuellen Themen orientiert, wird auch wieder verschwinden. Wobei in Fällen wie bei Waldsterben viel zu viel Geld investiert wurde - die Vorhersagen waren völlig falsch, ich würde für mehr Zurückhaltung plädieren.

Ihr Vorschlag, Experten für falsche Prognosen mit Sanktionen zu bedenken, ist nicht gerade auf viel Zustimmung gestoßen.

Reichholf: Mein Vorschlag ging in die Richtung einer Versicherung wie bei Ärzten, die sich bei Kunstfehlern absichern. Man kann nicht erwarten, dass alles hundertprozentig funktioniert, aber man kann erwarten, dass mit Sorgfalt umgegangen wird. Dies ist auch im Falle der Wissenschaft einklagbar, wenn es einen konkreten Menschen betrifft. Bin ich als Bürger indirekt betroffen, durch Verschwendung von Steuermitteln für bestimmte Forschungen, die sich als falsch herausstellen, dann sollte die Gesellschaft das Recht haben, falsche Propheten zur Rechenschaft zu ziehen. Macht der Wetterdienst aufgrund falscher Prognosemodelle falsche Vorhersagen, spielt das für eine private Gartenpartie keine besondere Rolle, werden aber Millionen eingesetzt, die völlig wirkungslos sind, hat der Spaß ein Ende. Dann muss die Gesellschaft ein Korrektiv entwickeln, um zu verhindern, dass völlig überzogene Prognosen gemacht werden. Wir sind in diesem Bereich von jeglicher Mitverantwortung weit entfernt.

Diese Argumente haben Ihnen vonseiten der Klimaforschung vehemente Vorwürfe eingetragen. Sie gelten als Klimaskeptiker.

Reichholf: Im Fall der Klimawandel-Diskussion als Klimaskeptiker bezeichnet zu werden, ist schon eine Auszeichnung. Wer das nicht ist, ist ein Gläubiger! Deutschland ist in diesem Fall besonders extrem, hier heißt es: Deutschland muss eine Vorreiterrolle übernehmen. Man fragt sich, wohin wollen sie denn schon wieder reiten? Manchen Teilen der deutschen Bevölkerung gelingt es nicht, ein vernünftiges Maß einzuhalten. Die Franzosen sind zum Beispiel weiter weniger aufgeregt, was Atomkraft betrifft. Unsere Art von Umwelt- und Zukunftsdiskussion nimmt den jungen Leuten jegliche Zukunftsperspektive in zahlreichen Gebieten der Forschung. Das schaut auch in Amerika ganz anders aus - dort sind sie optimistisch! Wenn alles, was die Zukunft betrifft, derart pessimistisch eingestuft wird, geht gar nichts mehr voran. Die Vorstellung, dass wir in der besten aller Welten leben, ist für Altgewordene verständlich - die wollen keine Veränderungen mehr. Für die Jungen ist das jedoch verheerend!

Eine Bücherfrage zum Abschluss: Was sollte der ökologisch gebildete Zeitgenosse gelesen haben?

Reichholf: Zuletzt hat mich der Philosoph Michael Hampe beeindruckt, der in Tunguska oder Das Ende der Natur die unterschiedlichen Blickwinkel beschreibt, die unsere Denkgewohnheiten bezüglich der Natur geprägt haben. Ich habe immer wieder Alexander von Humboldts Kosmos gelesen. Ernst Haeckels Welträtsel, das lange verpönt war, macht sehr deutlich, wie wenig wir von den großen Fragen gelöst haben. Die Fakten ändern sich ständig, man kann also nur so aktuell sein wie der gegenwärtige Stand des Wissens. Wer glaubt, das ultimative Buch zu schreiben, nähert sich der Bibel. Das geht aber in der Naturwissenschaft nicht.

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