Phoniatrie

Versagt der Diva Stimme, ist Östrogen im Spiel

Und bei älteren Männern? Testosteron hat keine Wirkung auf die Stimme - das Östrogen im Manne aber schon

Sonja Burger | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Tagtäglich benutzen wir unsere Stimme. Wir schreien, flüstern oder hauchen Wörter und geben dabei auch unsere psychische Verfasstheit preis. Wie sie klingt, hängt von vielerlei ab und wandelt sich im Laufe des Lebens. Die Sexualhormone, vor allem das Östrogen, spielen dabei eine zentrale Rolle.

Bei Burschen und Mädchen ist die hormonell bedingte Veränderung der Stimme ein Zeichen für den Übergang zum Erwachsenen. Darüber hinaus ist bekannt, dass die Stimme auch während des weiblichen Zyklus und der Schwangerschaft gewissen Schwankungen unterliegt. "In den Tagen um die Menstruationsblutung kann sie weniger voll und sicher klingen. Speziell Berufssprecherinnen, Schauspielerinnen und Sängerinnen merken das", erklärt Markus Gugatschka, HNO-Facharzt für Phoniatrie an der Klinischen Abteilung für Phoniatrie der Medizinischen Uni Graz.

Diese hormonbedingten Schwankungen werden auch als "Pre-Menstrual Vocal Syndrome" bezeichnet. Schon im 19. Jahrhundert war bekannt, dass Sängerinnen dann pausieren sollten, um das Risiko einer Stimmstörung zu verringern. Bei Frauen verändert sich die Stimme noch einmal in den Wechseljahren und wird tiefer. Die Fachleute gingen davon aus, dass Männer davon nicht betroffen sind. Wie sich rückblickend zeigt, befand man sich mit dieser Annahme auf dem sprichwörtlichen Holzweg.

Was passiert bei Männern zwischen 50 und 60 mit der Stimme - und womit hängt das zusammen? "Zuerst dachten wir, dass ein besonders niedriger Testosteronspiegel die Stimmänderung verursacht", berichtet Gugatschka. Im Rahmen einer Studie brachten die Forscher dann Überraschendes ans Licht: Zwar spielt Testosteron beim Alterungsprozess des Mannes eine wichtige Rolle, wirkt sich aber nicht auf die Stimme aus.

Dafür hatten jene Männer, deren Östrogenspiegel im unteren Drittel war, eine um rund elf Hertz höhere Stimme als diejenigen mit normalem Hormonspiegel. Welche Schlüsse zog man daraus? Offenbar kann das als "Greisendiskant" bekannte Phänomen, wobei die männliche Stimme mit zunehmendem Alter (um die 80) brüchig und höher wird, früher auftreten.

Ist der Mann noch berufstätig, etwa in einem Beruf, wo eine leistungsfähige Stimme notwendig ist, kann das die Lebensqualität beeinträchtigen und das Entstehen von Stimmstörungen begünstigen. Um dem vorzubeugen, empfiehlt Elke Brunner, Logopädin an der Medizinischen Universität Graz, das Bewusstsein für die individuelle Leistungsfähigkeit der Stimme schon früh zu schärfen und auf "die unterschiedliche Belastbarkeit in den Lebensphasen Rücksicht zu nehmen".

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