Boulevard und Wissenschaft verbinden

Die Kommunikationswissenschafterin Corinna Lüthj über Wissenschaftskommunikation

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Wir haben einen Overkill an Wissen: Je mehr wir wissen, desto mehr wissen wir, was wir nicht wissen und desto unsicherer werden wir", sagt Corinna Lüthje von der Universität Hamburg. Man müsse überlegen, was verstärkt in die Öffentlichkeit transportiert werde und was nicht. "Das betrifft vor allem Gesundheitskommunikation und Themen wie Risiken, Krisen und Technik."

Hier werde die gesellschaftliche Forderung an die Wissenschaft immer stärker, Stichwort Wissenschafts-PR. Schwer vermarktbare Forschung bleibt in der Schublade; Ressourcen, die für Marketing draufgehen, fehlen in Forschung und Lehre. Ist das gefährlich? "Ich glaube, das unterliegt einer Selbstregulation", sagt Lüthje.

Abseits von Short-list-Stars, die immer wieder eingeladen werden, sich zu äußern, bieten vor allem Neue Medien Chancen, mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten. "Verstärkt tun das die Klimawissenschafter", sagt Lüthje. Klimaforschung sei ein langfristiges Thema, eine "post-normale" Wissenschaft: Sie ist anwendungsorientiert und betrifft Politik wie Gesellschaft.

Klimaforscher wie Hans von Storch gehen via Blog selbst an die Öffentlichkeit, da sie mit der extremen Komplexitätsreduzierung der journalistischen Berichterstattung unzufrieden sind. "Sie wollen nicht auf die Rolle des Überbringers apokalyptischer Szenarien reduziert werden", so Lüthje, denn dabei werde der eigentliche wissenschaftliche Diskurs ausgeblendet. Muss man also streng unterscheiden zwischen seriösem Wissenschaftsjournalismus und gefälligen Klima-Storys in Boulevardmedien? "Im Gegenteil", sagt Lüthje, "man muss versuchen, die Dinge zu verbinden". Journalismus und Wissenschaft haben in der Gesellschaft unterschiedliche Aufgaben und folgen einer unterschiedlichen Logik.

"In Hamburg gibt es das Projekt Klimakommunikation. Es ist kein klassisches Medientraining, sondern es beschäftigt sich mit der Verantwortung der Medien im Wissenschaftsbereich und soll zum gegenseitigen Verständnis von Wissenschaftern und Journalisten beitragen." Das sei auch nötig: Der deutsche Ozeanograf Stefan Rahmstorf wurde z.B. von einer Journalistin verklagt, nachdem er in seinem Blog ihre Berichterstattung kritisiert hatte.

Das ist auf ein Verständnisproblem zurückzuführen. "Wissenschaftliche Publikationen sind im Prinzip für jeden einsehbar, aber das Problem ist, dass in Fachsprachen geschrieben wird. Die sind effektiv, weil Experten sich mit wenig Aufwand verständigen können, doch ein Journalist müsste selbst Wissenschafter sein, um sie decodieren zu können."

Dazu kommt: Nicht jede wissenschaftliche Publikation ist wirklich relevant. "Unser wissenschaftlicher Marktwert hängt von der Zahl unserer Publikationen ab. Wir sind gedrängt, Sachen auf den Markt zu werfen, um uns als Wissenschafter zu behaupten."

Das kann zur Mehrfachverwertung führen, wobei ein Projekt in eine Vielzahl "kleinster publizierbarer Einheiten" zerlegt wird ("Salamitaktik"). Dem externen Leser erschließt sich der Zusammenhang dann nicht mehr.

Die DFG habe hier bereits eine Kursänderung eingeleitet, indem sie die Zahl der Angabe von Publikationen bei Drittmittelanträgen limitierte. In allen Facetten werde Wissenschaftskommunikation immer wichtiger, doch werde sie oft auf externe öffentliche Kommunikation reduziert. Selbst die ist manchmal schwierig: In der klassischen Medienberichterstattung stellt die fehlende Aktualität von Forschungsberichten oft ein Hindernis dar. "Was intern publiziert wird, geht durch strenge Qualitätsprüfungskriterien. Manche Projekte laufen über Jahre, das passt nicht mit dem Aktualitätsbegriff der Massenmedien zusammen."

Infos:

www.medienundzeit.at

www.corinnaluethje.eu

klimazwiebel.blogspot.co.at (Blog v. Hans von Storch)

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