Wissenschaftsjournalisten: Die Magnetnadeln im Heuhaufen

aus HEUREKA 2/13 vom 29.05.2013

Ein Interview mit dem Vorsitzenden des Klubs der Bildungs-und Wissenschaftsjournalisten Oliver Lehmann über eine im Juni erscheinende Studie zur Situation der Wissenschaftsjournalisten in Österreich.

Herr Lehmann, an wen soll sich Wissenschaftsjournalismus richten?

Oliver Lehmann: Primär an die interessierte Leserschaft. Abweichend von anderen Ressorts sind im Wissenschaftsjournalismus Anspruch und Bedarf höher, Themen zu erklären. Ein ganz eindeutiges Ergebnis der Studie ist, dass sich Wissenschaftsund Bildungsjournalisten als neutrale Vermittler von Informationen verstehen. Anders gesagt: Wie wichtig die Nationalratswahl ist, weiß die Leserschaft oder meint es zu wissen. Aber welche Bedeutung Graphen als Werkstoff der Zukunft hat, ist der allgemeinen Öffentlichkeit eher unbekannt. Gute Wissenschaftsjournalisten sind so etwas wie die Magnetnadeln im Heuhaufen, denn sie leisten unverzichtbare Orientierungshilfen.

Sollten Wissenschaftsjournalisten und PR-Agenturen eine enge Beziehung pflegen?

Lehmann: PR-Agenturen beziehungsweise ihre Aussendungen sind eine von mehreren Quellen, die Wissenschaftsjournalisten heutzutage nutzen. Die Studie dokumentiert ganz klar, dass andere Quellen wie das persönliche Gespräch und die Auswertung von Fachzeitschriften eine höhere Bedeutung für die Recherche haben. PR-Agenturen können ihre Aufgabe sinnvoll erfüllen, wenn sie ihre Aussendungen transparent gestalten und das primäre Vermittlungsinteresse berücksichtigen.

Sind freie Wissenschaftsjournalisten schlechter gestellt als freie Journalisten allgemein?

Lehmann: Der Anteil an sozial schlecht bis gar nicht abgesicherten Journalisten ist im Bildungs- und Wissenschaftsbereich deutlich höher als im Durchschnitt der heimischen Publizistik. Die Studie macht klar, dass der Wissenschaftsjournalismus in Österreich von prekären Beschäftigungsverhältnissen geprägt ist. Und das, obwohl Wissenschafts- und Bildungsjournalisten sehr erfahren sind und sich durch eine hohe Ausbildung auszeichnen.

Welche Schlüsse lassen sich aus Ihrer Studie noch ziehen?

Lehmann: Durch die Studie wird deutlich, dass für Recherche im österreichischen Wissenschafts- und Bildungsjournalismus oft zu wenig Zeit zur Verfügung steht. Wenn Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Vermittlungs-und Erklärungsarbeit leisten sollen, brauchen sie auch vernünftige Rahmenbedingungen.

Präsentation der Studie zum Status von Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen in Österreich am 25. Juni um 10 Uhr im

Presseclub Concordia, Wien 1, Bankgasse 8

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