Haben Männer einen Vogel?

Risikosportler kämpfen ums Image. Der Testosteronschub beflügelt dabei das Selbstbewusstsein

Anja Stegmaier | aus HEUREKA 3/13 vom 26.06.2013

Anfang Mai diesen Jahres starb der achte Red-Bull-Athlet bei einem Flugzeugabsturz in Tirol, keinen Monat später macht sich sein russischer Sportsfreund Valery Rozov bereit zum Base-Jump vom Mount Everest und bricht damit Rekorde. Der 48-Jährige sprengt mit diesem inszenierten Event bisherige sportliche Grenzen.

Der Sportsoziologe Otmar Weiß sieht im Extremsport die Möglichkeit der Gesellschaft, Defizite auszugleichen: der Mangel an Anerkennung, Identität, Spannung sowie vermehrte Kopflastigkeit, Automatisierung und Leere bestimmen den Schul- und Arbeitsalltag. Wenn das Risiko kribbelt, spüren viele Männer endlich sich selbst.

Risikosportler und ihre Toten sind fast ausschließlich Männer. Wer eine statistische "Inhaltsanalyse" des Fan-Magazins Red Bulletin macht und alle abgebildeten Menschen zählt, findet zu 80 Prozent Männer, während die meisten Illustrierten sonst vor allem das schöne Geschlecht abbilden. Das Red Bulletin folgt dabei weitgehend archaischen Traditionen. Noch im Jahr 1910 lautete eine Inschrift am Eingang des Hamburger Sportvereins "Hunden und Frauen ist der Eintritt verboten".

Frauen sind meistens vorsichtig, Männer dagegen stürzen sich oft ins Risiko. Mörder, Räuber und Sexualstraftäter sind fast immer männlich genauso wie Unfallpiloten im Straßenverkehr. Obwohl auch viele Frauen skifahren, sind jedes Jahr 80 Prozent der Lawinenopfer Männer. Sigmund Freud bemerkte suffisant, dass im Krieg ältere Männer in den Wechseljahren junge, potente Mitbewerber in den Tod schicken.

Die Tragödie der starken Männer

Bei aller komplexen Endokrinologie der Männer spielt der Testosteronspiegel dabei eine entscheidende Rolle. Die Psychologin Gerti Senger, seit 33 Jahren Sex-Expertin der Kronen Zeitung: "Testosteron ist das Rabauken-Hormon, ein Kampfhormon, das Angriffslust macht. Das Hormon steht aber auch für übersteuerte Männlichkeit, die gefährlich wird, wenn man mit dieser Energie nicht umgehen kann." Zwar werden in Österreich mehr Buben als Mädchen geboren. Aber schon mit etwa 35 Jahren beginnt sich das Geschlechterverhältnis umzudrehen. Viel Testosteron fördert nicht gerade ein langes Leben, Eunuchen haben jedenfalls eine deutlich höhere Lebenserwartung.

Der Hormonforscher und Gynäkologe Markus Metka weist auf das Janusgesicht: "Testosteron fördert die Arterienverkalkung und erhöht das Risiko auf Demenz und Arteriosklerose. Andererseits führt ein höherer Testosteronspiegel zu mehr Libido, mehr Selbstbewusstsein und mehr Energie. Testosteron wirkt leistungssteigernd und führt zu einem erhöhten Dominanzbedürfnis, im extremen Fall jedoch zu Selbstüberschätzung und Aggression. Alphatiere haben hohe Testosteronspiegel. Das Gegenteil, also ein Mangel an Testosteron, macht depressiv. Männer wirken dann fahrig und entscheidungsschwach. Die Extreme von zu viel und zu wenig sind psychisch wie physisch ungesund."

Senger befürchtet, dass eine erfolgreiche Frau, die selbst kämpferisch sein muss, mit einem Mann nicht glücklich werden kann, wenn sie ihn an der Hand führen muss, er immer zu Hause sitzt und sagt, das Leben sei furchtbar, er könne das nicht.

Die Weltliteratur enthält, so Metka, auch Testosteron-Persönlichkeiten. Othello tötet seine geliebte Frau wegen angeblicher Indizien aus Eifersucht und bereut es gleich danach. Dabei war er der mit Abstand erfolgreichste Admiral im Krieg, den Venedig zu bieten hatte. Othello zeigt zwei Seiten des Testosterons in einer Person. Ganz anders die Erzählung über den sehr alten König David, der seine Aufgaben nicht mehr ganz erfüllen konnte. Seine Berater suchten ihm, so das Alte Testament, die hübscheste Jungfrau im Land und legten sie ihm über die Lenden. David erwärmte sich wieder und wurde entschlusskräftiger. Von den drei Männern, die seine Nachfolge beanspruchten, ließ er zwei davon köpfen.

Testosteron macht mutig, aber dumm

"Bewusst Risiko eingehen ist typisch menschlich und überwiegend männlich. Kein Tier macht das", sagt der Evolutionsbiologe und Arzt Anton Fürlinger. "Für das männliche Gehirn ist Risiko geil und sexy. Der Mann fühlt ein übermenschliches Hoch, das Testosteron führt das Verhalten zum Adrenalinkick. Wahrscheinlich durch eine Interaktion des Testosterons mit Neurotransmittern kommt der Adrenalinkick. "Testosteron ist wie eine Droge. Sie wirkt leistungssteigernd und verstärkt Mut und Risikobereitschaft. Die Vernunft wird dadurch aber auch eingeschränkt."

Der emigrierte Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat die Theorie des Flow im Hinblick auf Hochleistungsverhalten entwickelt. Bei extrem geübten Bergsteigern, Chirurgen oder Tänzern entsteht ein Tätigkeitsrausch. Das High bedeutet: du bist die Aufgabe, du kannst das, vergisst Zeit und Raum. Du handelst richtig, weil du praktisch alle Variablen kontrollierst. Mann gegen Natur (siehe Bild) ist eine der größten Herausforderungen - im Extremfall auch im Alleingang ohne Zeugen.

Der Flow führt zum Realitätsverlust für die fernere Umgebung, der nächste Schritt, der nächste Griff ist alles, was zählt. Perfekt funktionieren wie ein Roboter oder eine Maschine, des Menschen unerkanntes Ziel? Wir wollen in etwas Größerem aufgehen. Sex wäre so eine der Möglichkeiten, unser Einzelsein zu verlieren. Oder die Gruppe.

Bei Indianervölkern und modernen Subkulturen muss der junge Mann initial den Willen zeigen, über sich hinauszuwachsen, um in die Gruppe aufgenommen zu werden. Risiko-Verhalten ist da eine Art Opferbereitschaft, die durch das Testosteron befeuert wird. Wie bei James Dean in der Zelluloid-Oper "Denn sie wissen nicht, was sie tun" geht es darum, vor einer Klippe als Letzter aus dem Auto zu steigen. Dem Feind, dem Tod muss man ins Auge schauen.

Können wir unser Erbe überwinden?

"In der Evolution war sexuelle Konkurrenz Sache der Männchen, weil es zu wenige Weibchen gegeben hat. Die Weibchen haben die Wahl getroffen, die Männchen mussten ihre Qualitäten zeigen. Das ist das Prinzip Female Choice", sagt Fürlinger. "Männchen wollen beeindrucken. Erst das Patriarchat hat Female Choice teilweise abgelöst. Deshalb müssen sich Frauen anmalen und hungern. Das Patriarchat förderte Men's Choice."

Testosteron bedeutet bei Säugetieren über den Weg von Verhaltensverstärkungen, Display- und Risikoverhalten erhöhte Chancen auf Sex. Sie bekommen mehr Mut zur Konkurrenz zwischen den Männchen. Es gibt nur ganz wenige Arten, bei denen Weibchen gegeneinander konkurrieren.

Heute konkurrieren Risikosportler um Image. Popularität in den Medien bedeutet Macht, verbessert den Status. Ein Testosteron-Boost durch Risikosport beflügelt das Selbstbewusstsein. Frauen sind beeindruckt, andere Männer eingeschüchtert. Und es gilt immer noch: Frauen wollen gute Gene. Manche verheiratete Frauen gehen während der Ovulation auf Gene-Shopping. Genetische Untersuchungen zeigen, dass bis zu 20 Prozent der Ehemänner nicht die leiblichen Väter sind.

Freilich leben die Risikosportler mit dem Wissen, dass die Chancen hoch sind, sich vorzeitig vom schönen Leben zu verabschieden. Übertraining und zu viel Testosteron schwächen die Immunabwehr. Viele wären bereit, schon mit 40 vorzeitig zu sterben, wenn sie mit Doping die Tour de France gewinnen könnten. Sie folgen damit dem Gusto des Achilles, der ein kurzes, aber ruhmreiches Leben einem langen, aber glanzlosen vorzog.

Sportwissenschafter Weiß glaubt, dass es keinen Spitzensport ohne Doping gibt und jede extreme Form pathologisch ist. Deshalb bieten die USA Resozialisierungsprogramme für alte Helden. Der Getränkeriese mit dem Stier als Logo hat eine moderne Unfallklinik in Salzburg finanziert. Jetzt fehlt nur noch der passende Heldenfriedhof.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige