Helfen ist rational, wegschauen auch

Zu viele Zeugen verringern die Chancen des Opfers auf Hilfe - außer es sind viele Helfer nötig

Jochen Stadler | aus HEUREKA 3/13 vom 26.06.2013

Achtunddreißig Menschen hören die Schreie der jungen New Yorkerin oder sehen Einzelheiten davon, wie sie ausgeraubt, vergewaltigt und niedergestochen wird. Es vergeht mehr als eine halbe Stunde, bis endlich jemand die Polizei verständigt. Zu spät: Kitty Genovese stirbt auf der Fahrt ins Krankenhaus.

Sechs Jahre später, im Jahr 1970, wird ihr Fall wissenschaftlich beschrieben und den Zeugen das "Genovese-Syndrom", auch Zuschauereffekt genannt, attestiert. Eine große Zahl an Helfern verringert die Chancen, dass jemand eingreift, diagnostizierten die Wissenschafter.

Innsbrucker Forscher haben nun in einem Experiment gezeigt, dass mögliche Helfer rational entscheiden, ob sie unterstützend einschreiten oder nicht. Sie leisten sehr wohl Hilfe, wenn sie erkennen, dass in einer Situation der Beistand von mehreren Personen notwendig ist, berichten sie im British Journal of Social Psychology.

Sie schufen eine fiktive Psychologiestudentin namens "Sabrina Neumann", die ihre Studienkollegen per E-Mail bat, an einer Umfrage über das Gedächtnis teilzunehmen. Manchen schrieb sie, dass nur mehr eine einzige Rückmeldung fehle, damit ihre Studie komplett ist, andere erhielten die Information, dass sie noch hundert Antworten bräuchte. "Die Auswertung zeigte tatsächlich, dass der Zuschauereffekt nicht eintrat, wenn mehrere Rückmeldungen benötigt wurden", so die Forscher.

Zwischen dem E-Mail Verkehr von Innsbrucker Studenten und der New Yorker Straße besteht jedoch ein kleiner Unterschied.

In der Praxis kann es mit einem Risiko verbunden sein, wenn man einschreitet, hier wäre außer einer rationalen Überlegung auch Zivilcourage notwendig, erklärt Dirk Mügge vom Institut für Psychologie der Uni Innsbruck.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige